Warum könnte Saudi-Arabien einen Staatsbürger in der Türkei getötet haben lassen? Guido Steinberg, Forscher der Stiftung Wissenschaft und Politik, erläutert die Feindschaft zwischen Kronprinz Mohammed bin Salman und der Muslimbruderschaft und anderen Oppositionellen.

Anfang Oktober verschwand der prominente saudi-arabische Journalist Dschamal Chaschukdschi in Istanbul. Während türkische Stellen und Chaschukdschis Unterstützer vorbringen, er sei während eines Besuchs im saudi-arabischen Konsulat verschleppt und vielleicht sogar er­mordet worden, sagt die saudi-arabische Regierung, er habe die Vertretung unbehelligt wieder verlassen. Kaum ein neutraler Beobachter glaubt allerdings den Beteuerungen aus Riad, denn der Vorfall in der Türkei schließt an eine bis dahin beispiellose Kampagne gegen fried­liche Dissidenten an, die seit Mitte 2017 Fahrt aufgenommen hat und in deren Folge Chaschukdschi sich entschloss, ins Exil in die USA zu ziehen.

Viele Saudis begrüßen die von Kronprinz Mohammed bin Salman angestoßenen Reformen, hegen aber Vorbehalte gegen die mit ihnen einhergehende diktatorische Wende. Auch Chaschukdschi gehört zu denen, die so argumentieren. In einem Beitrag für die Washington Post vom 18. September 2017 schrieb er, dass er nicht in Opposition zur saudi-arabischen Regierung stehe und dass er wünsche, dass ihr Vision 2030 genanntes Reformprogramm für die Wirtschaft Früchte trage. Doch er beklagte auch, dass sein Heimatland nie so repressiv gegen­über Intellektuellen und Religionsgelehrten gewesen sei wie in den vorangegangenen Monaten, also in der Zeit, in der Mohammed bin Salman seine Alleinherrschaft rück­sichts­los ausbaute.

Jeder ist in Gefahr, der die Regierung kritisiert

Chaschukdschi reagierte mit diesem Meinungsartikel auf eine Verhaftungswelle, die einsetzte, nachdem die saudi-arabische und die emiratische Führung am 5. Juni 2017 ein Embargo gegen das Emirat Katar verhängt hatten. Das prominenteste Opfer war der weit über Saudi-Arabien hinaus bekannte Gelehrte Salman al-Auda, der sich geweigert hatte, den Kurs der Regierung öffentlich zu unterstützen. Vielmehr schrieb er auf Twitter, dass er hoffe, die Füh­rungen Saudi-Arabiens und Katars würden sich versöhnen, worauf er verhaftet wurde.

Al-Auda steht wie viele der damals Inhaftierten der in Saudi-Arabien als Terrororganisation verbotenen Muslimbruderschaft nahe, hatte in einem viel beachteten Buch zum Arabischen Frühling von 2012 allerdings deutlich liberalere Positionen vertreten. In den Folgejahren äußerte er sich aber nur noch selten zu politischen Themen, sodass seine Verhaftung im September 2017 überraschte. Noch erstaunlicher war, dass ein Jahr später bekannt wurde, dass der Staatsanwalt in seinem Verfahren die Todesstrafe gefordert hatte, unter anderem wegen Aktivitäten in der Muslimbruderschaft. Spätestens seitdem musste Andersdenkenden klar sein, dass jeder in Gefahr ist, wenn er die Regierung kritisiert.