So ein Mord an einem Regimekritiker will wohl geplant sein. Und wenn die Berichte der türkischen Presse stimmen, haben die saudischen Mörder geplant: Gleich 15 Mann zählte das Spezialeinsatzkommando, das nach Istanbul gekommen war, um sich des in Ungnade gefallenen Journalisten Jamal Khashoggi anzunehmen. Am Ende war Khashoggi tot, aber nun beginnt der Tote die Täter zu jagen. Seine Geschichte hört nämlich mit seinem Ende nicht auf, sondern wird in den Zeitungen, von Nichtregierungsorganisationen und in den sozialen Medien unaufhörlich weiter verbreitet. Jeder, der Saudi-Arabien vielleicht nicht gleich auf der Karte finden könnte, kennt jetzt zumindest Khashoggi. 

Die möglichen Versionen über den Horror im saudischen Konsulat (mit der Säge, mit dem Dolch, mit klassischer Musik, mit Folter?) füllen die Zeitungen und inspirieren die kriminalistische Vorstellungskraft. Das bringt nun US-Präsident Donald Trump in Bedrängnis, der kurz vor den Kongresswahlen noch mal erklären muss, wie gut seine ganz persönlichen Geschäfte in Saudi-Arabien eigentlich waren und sind. Wohl auch deshalb spricht Trump nun auch vom Tod Khashoggis und droht mit Konsequenzen.

Lauter als das saudische Kommando kann man einen Menschen nicht umbringen. 

Das alles könnte man nun als unverfrorene, demonstrative Dreistigkeit des Autoritären auslegen. Wenn es den Herrschern gefällt, schnippen sie mit den Fingern und löschen das Leben eines Untertans irgendwo auf der Welt aus. Danach macht man weiter, als wäre nichts geschehen. Mord ohne Mordkommission, Verbrechen ohne Strafe. Ob es so kommt, hängt von Medien, Regierungen und internationalen Ermittlern ab.

Drei verbreitete Methoden, Regimegegner zur Strecke zu bringen

Denn so richtig gut haben die saudischen Killer eben nicht geplant. Gestern kam die Meldung aus Riad, dass einer der mutmaßlichen Mittäter, ein Leutnant der saudischen Sicherheitskräfte, in einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben gekommen sei. Da könnten also noch umfangreiche Aufräumarbeiten im Gange sein. Die schlechte Planung fällt auf im Vergleich zu anderen autoritär regierten Staaten, die vergleichsweise besser aus solchen Fällen herausgekommen sind. Drei Methoden sind weit verbreitet, um Regimegegner im Ausland zur Strecke zu bringen – und danach auf die Berichte zu reagieren. 

Alles abstreiten: Als der abtrünnige russische Geheimdienstmann Sergej Skripal und seine Tochter im vergangenen Winter mit dem Nervengas Nowitschok angegriffen wurden, kamen die meisten Erklärungen dafür interessanterweise aus Russland. Von Lebensmittelvergiftung bis hin zu Giftlabors der CIA, Russland bot anstelle von Aufklärung viele Versionen, wer denn schuld an dem Anschlag sein könnte. Auch jetzt, wo zwei hochrangige russische Geheimdienstler identifiziert wurden, die sich ausgerechnet am Tag des Anschlags im kleinen Salisbury aufhielten, streiten russische Behörden weiter alles ab. Immerhin hat Präsident Wladimir Putin Skripal als "Drecksack" bezeichnet, was tief blicken lässt, aber kein Eingeständnis ist. 

Dazu stehen: Der türkische Geheimdienstdienst entführte im vergangenen April sechs Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, dem die türkische Regierung den Putschversuch von 2016 zur Last legt. Tatort: Pristina, Hauptstadt des Kosovo. Die Entführten waren fünf Lehrer an einer kosovarischen Schule und ein Arzt. In der Türkei verschwanden sie im weitverzweigten System der angeblich unabhängigen Justiz, und zwar so, dass man von ihnen nichts mehr hört. Außer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der sich öffentlich rühmte, dass seine Dienste die "Terroristen eingesackt" hätten.    

Keine der drei Methoden klappt im Fall Khashoggi

Einfach schweigen: Der Klassiker der Geheimdienstmorde ist das Ding mit dem Regenschirm. Vor genau 40 Jahren brachte der bulgarische Geheimdienst einen Schriftsteller und Regimekritiker in London um. Georgi Markow war auf der Waterloo Bridge im Nieselregen unterwegs, als ein Mann mit ihn mit der Spitze seines Regenschirms verletzte. Dabei wurde Markow hochdosiertes Rizin injiziert. Er starb kurze Zeit später. Die kommunistische bulgarische Regierung äußerte sich nicht zum Tod ihres Feindes. 

Keine der drei Methoden werden die saudischen Verantwortlichen anwenden können. Für Hunderte verwirrende Versionen ist es zu spät, für das Dazustehen ebenfalls. Und Schweigen geht halt nicht, wenn man das Opfer im eigenen Konsulat umbringt. Im Fall Khashoggi paart sich offenbar eine Menge Dreistigkeit mit ziemlicher Dummheit. In diesem Fall gibt es sehr viele Spuren, die sich verfolgen lassen. 

Deshalb müssen jetzt nicht nur die europäischen Regierungen rückhaltlose Aufklärung fordern. Es wird auch nicht reichen, dass die Medien beharrlich über den Fall berichten, damit der Druck nicht nachlässt. Allein auf die türkischen Untersuchungen ist kein Verlass. Die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman hat eine internationale Ermittlungskommission verlangt. Parallel dazu haben Menschenrechtsorganisationen die Türkei aufgefordert, den UN-Generalsekretär um die Einleitung einer UN-Untersuchung zu bitten. Erst dann kann man sich sicher sein, dass die Wahrheit am Ende nicht in irgendeinem Deal zwischen Washington, Ankara und Riad versickert.