Sechs Monate nach der Verurteilung der südkoreanischen Präsidentin Park Geun Hye ist auch gegen ihren Vorgänger Lee Myung Bak eine lange Haftstrafe wegen Korruption verhängt worden. Das Bezirksgericht in Seoul verurteilte den Staatschef der Jahre 2008 bis 2013 in dessen Abwesenheit zu 15 Jahren. Der 76-Jährige muss außerdem eine Geldstrafe in Höhe von umgerechnet zehn Millionen Euro zahlen. Andere Anklagepunkte gegen den früheren Topmanager und Bürgermeister von Seoul lauteten auf Machtmissbrauch, Untreue und Steuerhinterziehung.

Der konservative Politiker blieb nach Berichten südkoreanischer Medien der Urteilsverkündung aus Protest gegen die Entscheidung fern, dass die Verhandlung im Fernsehen übertragen werden sollte. Seine Anwälte hätten außerdem gesundheitliche Gründe angegeben. Lee, der im März verhaftet worden war, hatte die Vorwürfe als "politische Rache" der jetzigen linksliberalen Regierung bezeichnet.

Das Gericht befand Lee unter anderem für schuldig, einen Autozulieferer, der unter dem Namen seines älteren Bruders betrieben wird, dazu genutzt zu haben, schwarze Kassen anzulegen. Er soll rund 18 Millionen Euro dazu aus Firmenkassen abgezweigt haben. Laut den Ermittlern war Lee der wahre Besitzer der Firma.

Das Gericht sah es zudem als erwiesen an, dass eine Millionensumme, die Lee vom Smartphonemaktführer Samsung angenommen hatte, der Bestechung dienen sollte. Lee soll im Gegenzug dafür gesorgt haben, dass der wegen Steuerhinterziehung verurteilte frühere Vorsitzende der Samsung-Gruppe, Lee Kun Hee, während der Amtszeit Lee Myung Baks begnadigt wurde. Zudem wurde dem Ex-Präsidenten vorgeworfen, Geld vom Geheimdienst angenommen zu haben.

Viele Koreaner sahen in ihm den Selfmade-Mann

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von 20 Jahren gefordert. Lees Anwalt will nach Angaben der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap prüfen, ob er in Berufung gehen wird. Er nannte das Urteil "extrem bedauerlich".

Für viele ist die Karriere Lees auch ein Spiegel des Aufstiegs Südkoreas von einem bitterarmen Land zu einer Wirtschaftsmacht. Viele Koreaner sahen in ihm den Selfmade-Mann, der es aus ärmlichen Verhältnissen zu Wohlstand gebracht hat.

Lee ist in der Geschichte Südkoreas das vierte Staatsoberhaupt, das nach seiner Amtszeit wegen Korruption verurteilt wurde. Im August hatte ein Berufungsgericht gegen Lees Nachfolgerin, Park Geun Hye, eine 25-jährige Strafe wegen Korruption und anderer Vergehen verhängt. Anders als Lee war Park vorzeitig ihrer Amtspflichten enthoben worden.

Der frühere Präsident Chun Doo Hwan wurde 1996 zusammen mit seinem Nachfolger Roh Tae Woo wegen Rebellion und Hochverrats zum Tode verurteilt. Gegen beide wurden zudem hohe Geldstrafen wegen Korruption im Amt verhängt. Ende 1997 wurde Chun zusammen mit Roh begnadigt. Beide leben noch.