Das Stadtzentrum der englischen Stadt Birmingham ist eine einzige Baustelle, aber davon ließen sich die Mitglieder der Konservativen Partei nicht beirren. Die Brexit-Hardliner feierten den Höhepunkt des Parteitages. Niemand von ihnen wollte sich die Veranstaltungen mit dem Tory-Abgeordneten Jacob Rees-Mogg und Ex-Außenminister Boris Johnson entgehen lassen – Verfechter eines radikalen Bruchs mit der Europäischen Union. Sie sind gegen den von Premierministerin Theresa May in Chequers ausgehandelten Kompromiss, Großbritannien im Warenhandel an die Regulierungen der EU zu binden.

Einer der überzeugten Brexit-Anhänger ist Anthony, gut 70 Jahre alt, überzeugtes Parteimitglied aus Gloucestershire. Er hatte sich schon frühmorgens auf den Weg gemacht und wartete eine Stunde vor dem Veranstaltungsort, um Rees-Mogg zu erleben. Wer nicht früh genug kommt, hat keine Chance, die Spitze des harten Brexit mit eigenen Augen zu sehen, sich von seinen Argumenten zu überzeugen und von seiner Zuversicht beruhigen zu lassen. "Wir brauchen unsere politische Unabhängigkeit zurück", sagt Anthony. Chequers, wie viele Briten den Plan von Theresa May abkürzen, "gibt uns nicht den Brexit, der uns versprochen wurde". Der ältere Herr ist Engländer durch und durch: Er trägt einen Anzug, stellt sich höflich vor und wirkt etwas verloren zwischen all den Medienvertretern. Die EU, sagt er, wolle die Brexit-Verhandlungen absichtlich schwierig gestalten, sodass Großbritannien letztlich klein beigebe und in der EU bleibe. Das will er nicht. Anthony will raus aus der EU – ganz raus. Als er das sagt, dreht sich ein junger Parteianhänger um. "Wir unterstützen Theresa May. Sie kämpft so hart – aber Chequers ist falsch."

Flussdiagramm mit den möglichen Ausgängen der Brexit-Verhandlungen

In wenigen Monaten ist es so weit: Großbritannien verlässt die Europäische Union. Aber wie? Mit Abkommen? Oder im Streit ohne einen Kompromiss? Wir veranschaulichen in einer Grafik, welche Handlungsoptionen Großbritannien verbleiben.

Dann kommt Rees-Mogg mit beschwingtem Schritt und in dunklem Anzug, fast verlegen grüßt er, verbeugt sich unter Applaus, setzt sich an den Tisch – und lässt sich als das "Phänomen" Jacob Rees-Mogg vorstellen. Wenige Minuten später spult der Parlamentarier von Somerset eine Rede über die gefährlichen und demütigenden Nachteile von Chequers ab. Er spricht frei, zögert dabei nie, seine dunklen Augen richten sich fest auf das Publikum. Rees-Mogg, der mit seiner Familie auf einem Herrensitz auf dem Land wohnt, wirkt dieses Mal weniger exzentrisch, als er oft beschrieben wird, auch sein Oberschicht-Akzent ist weniger deutlich erkennbar. Aber vielleicht hat man sich auch an seine Art gewöhnt, an seine lateinischen Zwischenbemerkungen und Hinweise auf mittelalterliche Gesetzestexte.

Ein Kanada-Deal für Großbritannien?

Das Publikum genießt Rees-Moggs Humor, aber etwas anderes ist ihnen noch wichtiger: Rees-Mogg wirkt durchdacht mit seinem Detailwissen um die juristischen Winkelzüge der Politik, er scheint die komplexen Fragen des Brexit durchdrungen zu haben, seine knöchern-intellektuelle Art kommt im Publikum an. Geschickt dämonisiert Rees-Mogg die EU als gescheitertes Wirtschaftsmodell, verweist auf die hohe Arbeitslosenquote in den südlichen Mitgliedsstaaten, die Ohnmacht dieser Länder gegen das Diktat der EU. Ginge es nach der Premierministerin, würde sich Großbritannien auch in Zukunft nach EU-Vorschriften richten müssen, würde sich die Rechtsprechung auch nach dem Europäischen Gerichtshof richten müssen. "Das wäre eine Auslieferung unserer Souveränität an die EU!" Begeisterter Applaus.

Rees-Mogg stellt eine Alternative vor, die seiner Meinung nach innerhalb weniger Wochen als Blaupause für ein Handelsabkommen mit der EU dienen könne: ein Abkommen, wie es die EU mit Kanada abgeschlossen hat, nur umfangreicher. Darauf hat Anthony gewartet. Er hält eines der Pamphlete in der Hand, die im Raum verteilt wurden und die auf wenigen Seiten den Kanada-Deal der Briten beschreiben, wie ihn sich Rees-Mogg und seine Lobbygruppe, die European Reserach Group, vorstellen. Rees-Mogg erklärt, dass die Just-in-time-Produktion der Industrie auch bei einem Kanada-Deal funktionieren werde. Es klappe ja auch zwischen der Schweiz und der EU, zwischen Norwegen und Schweden und sogar zwischen Kanada und den USA. Das beruhigt Anthony. Die Zuhörer murmeln zustimmend.