Ostdeutsche beurteilen den Zustand der inneren Einheit des Landes kritischer als Westdeutsche. Das ergab eine Emnid-Umfrage für Bild am Sonntag. Für 60 Prozent der Ostdeutschen hat sich das Verhältnis zwischen den Menschen in den beiden Landesteilen seit der Wiedervereinigung nicht verbessert (38 Prozent) oder sogar verschlechtert (22 Prozent). Nur 33 Prozent der Ostdeutschen finden, dass sich die Menschen aus West und Ost näher gekommen sind. 

Bei den Westdeutschen ist das Stimmungsbild genau umgekehrt: 60 Prozent finden, dass sich Ost und West näher gekommen sind. Lediglich zehn Prozent finden, dass sich die Bevölkerungsgruppen fremder wurden, 22 Prozent sehen keine Veränderung seit der Wiedervereinigung.

Eine Mehrheit der Ostdeutschen (56 Prozent) wirft den Westdeutschen zudem Arroganz vor. Nur 27 Prozent sind nicht der Meinung, dass die Westdeutschen ihre Landsleute im Osten von oben herab behandeln. Im Westen erkennen 25 Prozent ein hochnäsiges Verhalten gegenüber dem Osten, 64 Prozent sehen das nicht so. 

Deutliche Unterschiede gibt es auch in der Beurteilung der Ostdeutschen. 39 Prozent der Westdeutschen halten die Ostdeutschen mit Blick auf die Wiedervereinigung und den Aufbau des Osten für zu undankbar, 54 Prozent empfinden das nicht so. Bei den Ostdeutschen meinen lediglich 19 Prozent, dass sie für den Wiederaufbau ihres Landes dankbarer sein sollten, die überwiegende Mehrheit von 73 Prozent sieht das so nicht.

Ungleichheit bei Besetzung von Führungspositionen

Ostdeutsche sind in Führungspositionen kaum vertreten. "Dass immer noch 70 Prozent der Führungspositionen im Osten von Westdeutschen besetzt sind, macht die Leute sauer", sagte die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Die Einführung einer Ostquote für Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung lehnen aber sowohl West- als auch Ostdeutsche ab. Im Osten beträgt die Zustimmung 39 Prozent (Ablehnung: 49 Prozent). Im Westen wollen 63 Prozent keine Ostquote (Zustimmung: 22 Prozent).

Die grüne Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt fordert eine verstärkte Förderung der Ostdeutschen. Jede neue Bundesbehörde oder Forschungseinrichtung müsse ihrer Meinung nach künftig in Ostdeutschland angesiedelt werden. Der Bund müsse Spitzenfunktionen in Regierung und Behörden konsequent mit Menschen aus dem Osten besetzen. "Das wäre ein wichtiges Signal, das den Ostdeutschen zeigt: Sie gehören wirklich dazu." 

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat zu mehr Zuversicht aufgerufen. "Die Deutsche Einheit ist die größte patriotische Leistung des Landes", sagte Kretschmer der Rheinischen Post. "Im Westen haben Menschen auf Wohlstandszuwachs verzichtet, in Ostdeutschland hat sich der überwiegende Teil der Bevölkerung ein neues Leben aufgebaut."

Nie sei es den Menschen in den neuen Ländern besser gegangen, sagte Kretschmer weiter. "Nie stand uns die Welt so offen wie heute. Die Diskussion hat aber eine Schlagseite ins Negative bekommen. Das müssen wir wieder gerade rücken. Wir müssen die Freude zurückgewinnen." Der Ministerpräsident fügte hinzu: "Miesepetern sage ich: Es ist das beste Deutschland, das wir je hatten."

Für die Umfrage hat Emnid am 27. September 2018 505 repräsentativ ausgewählte Personen befragt.

Über die Unsicherheiten von Umfragen

Repräsentative Umfragen unterliegen immer Fehlern. Man kann davon ausgehen, dass der tatsächliche Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Bereich von einem bis drei Prozentpunkten über oder unter den letztlich angegebenen Messwerten liegt. Den Korridor dieses statistischen Fehlers zeigen wir ab sofort in unseren Grafiken zu Wahlumfragen.

Die Ergebnisse basieren immer auf Stichprobenbefragungen. Diese decken in der Regel nur spezielle Teile der Bevölkerung ab (zum Beispiel Menschen mit Festnetz-Telefonanschluss oder Internetnutzer). Einige potenzielle Teilnehmer sind ablehnend und wollen erst gar nicht befragt werden. Fragen werden mitunter auch falsch verstanden und nicht immer aufrichtig beantwortet. Zum Beispiel auch in Reaktion auf vorangegangene Umfragen. Um jedoch ein allgemeines Meinungsbild über alle Bevölkerungsgruppen hinweg zu berechnen, müssen die Demoskopen fehlende Messwerte und vermutete Ungenauigkeiten ausgleichen und die vorliegenden Zahlen neu gewichten. Diese (in der Regel nicht transparenten) Formeln unterscheiden sich in den Instituten und führen daher zu unterschiedlichen Aussagen.

Umfragewerte sind immer Momentaufnahmen. Mehr als eine grobe Tendenz für ein Meinungsbild lässt sich daraus nicht ableiten. Selbst wenn die Aussagen und Berechnungen zum Veröffentlichungszeitpunkt der Umfrage nahe an der Realität liegen, ist immer noch offen, ob die damals befragten Wähler zum Beispiel später tatsächlich ihre Stimme abgeben oder sich kurzfristig umentscheiden.

Weitere Hintergründe über unseren Umgang mit Wahlumfragen finden Sie in unserem Transparenzblog Glashaus.