Die E-Mail kam am frühen Nachmittag. Sie forderte die Abonnenten des Newsletters im Namen des Präsidenten zum Kampf gegen "Fake-News" und die Voreingenommenheit der Medien gegenüber "hart arbeitenden Amerikanern" auf. Als Absenderin war Lara Trump genannt, Schwiegertochter des Präsidenten und Mitglied in dessen Wahlkampfteam. Die Empfänger sollten spenden und an einer Umfrage zur "Verantwortlichkeit der Medien" teilnehmen. Die Botschaft war deutlich: "Es ist Zeit, dass die Medien vom amerikanischen Volk einen Warnschuss erhalten."

Diesen Warnschuss allerdings hatte es ein paar Stunden vorher bereits gegeben. Während die Moderatoren des Nachrichtensenders CNN über Briefbomben berichteten, die an die Wohnsitze von Hillary Clinton und Ex-Präsident Barack Obama adressiert gewesen waren, brach im Hintergrund ein Feueralarm aus. Nach rund 30 Sekunden unterbrachen die beiden Moderatoren die Sendung und erklärten, sie müssten das Gebäude nun selbst verlassen – das Studio in Washington übernehme bis auf Weiteres. Kurz darauf war klar: Gerade war auch im Time Warner Center in New York, dem Sitz des Senders, ein verdächtiges Paket sichergestellt worden. Anwohner wurden per Nachricht auf ihren Handys dazu aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen.

Im Laufe des Vormittags wurde bekannt, dass auch der ehemalige Justizminister Eric Holder, die kalifornische Abgeordnete Maxine Waters und Ex-CIA-Direktor John Brennan einen Sprengsatz erhalten hatten. Während die Behörden am Mittwoch ermittelten, reagierten beide politischen Lager auf die Nachricht. Für viele Beobachter stellten die Attacken den traurigen Höhepunkt eines emotionsgeladenen Wahlkampfes dar, in dem sich beide Seiten seit Wochen attackieren und Millionen von Dollar in Werbespots stecken, die den politischen Gegner als unwählbar präsentieren. 

Bereits am Montag war ein Sprengsatz beim liberalen Finanzier und wichtigen Geldgeber der Demokraten, George Soros, eingegangen. "Mein Vater hat im Laufe der Zeit viele Angriffe erleiden müssen", erklärte dessen Sohn Alexander Soros in einem Beitrag für die New York Times. "Aber mit der Wahl von Donald Trump ist es schlimmer geworden." Die Bombenattacken in dieser Woche ließen sich nicht trennen von der zunehmenden "Verteufelung" des politischen Gegners. Es sei inzwischen normal, dass jene, die öffentlich ihre Meinung kundtäten, persönlich angegriffen würden und hasserfüllten Nachrichten ausgesetzt seien. "Politiker, die einen Eid ablegen, alle Bürger zu schützen, verbreiten stattdessen Hass und Spaltung", schrieb Soros.

Viele Kritiker warfen nach dem Fund der Sprengsätze vor allem dem Präsidenten vor, mit seinen verbalen Angriffen auf Medien und politische Gegner die vereitelten Anschläge befördert zu haben. Das Weiße Haus verstehe die Ernsthaftigkeit der Lage ihrer "anhaltenden Angriffe auf die Medien" nicht, sagte CNN-Präsident Jeff Zucker. "Ihre Worte haben Folgen." Trump wiederum gab den Medien eine Mitverantwortung: "Die Medien haben auch eine Verantwortung, einen gemäßigten Ton anzuschlagen und die endlose Feindseligkeit und die ständigen negativen und oft falschen Attacken und Geschichten zu beenden", sagte er am späten Mittwochabend bei einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat Wisconsin.

Immer wieder hat Trump die Medien im Land als "Staatsfeind" bezeichnet und ihnen vorgeworfen, eine Kampagne gegen das Weiße Haus zu fahren. Erst in der vergangenen Woche hatte Trump bei einem Wahlkampfauftritt den republikanischen Abgeordneten Greg Gianforte aus Montana gelobt. Gianforte hatte im Wahlkampf im vergangenen Jahr einen Reporter des britischen Guardian körperlich angegriffen, nachdem dieser ihm wiederholt Fragen zur geplanten Abschaffung von Obamas Gesundheitsreform gestellt hatte. "Jeder, der einen body slam beherrscht, ist ein Typ nach meinem Geschmack", so Trump bei dem Auftritt.

Konservative verurteilen die Anschlagsversuche

Die Briefbomben sind nicht der erste Zwischenfall. Im August war in Kalifornien ein Mann festgenommen worden, der Journalisten des Boston Globe gedroht hatte, sie zu erschießen, und sie in einem Telefonanruf als "Volksfeind" beschimpfte. Ähnliche Drohungen waren auch an die Nachrichtenagentur Associated Press und den liberalen Fernsehsender MSNBC gegangen. Im Mai hieß es in einem Bericht der International Press Freedom Mission, die Angriffe des Präsidenten und seines Regierungsteams auf die Medien hätten zu einer Steigerung von Drohungen, Schikanen und Schmähungen geführt. Im Oktober stimmte in einer Umfrage von Ipsos fast die Hälfte der Republikaner der Aussage zu, die Medien seien der Feind des amerikanischen Volkes. Mehrere Fernsehsender und Zeitungsverlage haben in den vergangenen Monaten die Sicherheitsvorkehrungen in ihren Redaktionen erhöht.

Am Mittwoch verurteilten auch zahlreiche Konservative die vereitelten Anschläge. "Gewalt und Terror haben keinen Platz in unserer Gesellschaft", schrieb der Republikaner Steve Scalise auf Twitter. Der Abgeordnete aus Louisiana war 2017 bei einem Baseballspiel mit anderen Politikern selbst von einem erklärten Gegner Trumps angeschossen worden. "Als Nation müssen wir uns darüber einig sein, dass dies ein gefährlicher Weg ist und so etwas nicht zur Normalität werden darf." Er habe am eigenen Leib die Folgen von politischer Gewalt gespürt und werde alles tun, um sich dagegen auszusprechen. "Wir müssen Leute als Kontrahenten betrachten, nicht als Feinde", so auch Jeff Flake. Der Republikaner und Trump-Kritiker hatte erst vor wenigen Wochen erklärt, seine Familie habe ebenfalls Drohungen erhalten. 

"Diese feigen Handlungen sind verachtenswert und haben in diesem Land nichts verloren", schrieb Vizepräsident Mike Pence. "Die Verantwortlichen werden dafür bezahlen." Trump selbst zitierte seinen Vize auf Twitter und ergänzte: "Ich stimme vollkommen zu!" Gegenüber Reportern erklärte Trump, die Angriffe seien "abscheulich". Das war vor seinem Auftritt in Wisconsin. "Wir sind sehr sauer und unglücklich über das, was wir heute Morgen erlebt haben und werden dem auf den Grund gehen." Androhung von politischer Gewalt habe keinen Platz in Amerika und gehe gegen alles, wofür das Land stehe. Dies sei, so der Präsident, eine Meinung, die beide Parteien teilten.

"Wir leben in beunruhigenden Zeiten"

Nicht alle sahen allerdings am Mittwoch Grund zum Einlenken. Führende Republikaner wie Orrin Hatch verteidigten frühere Äußerungen des Präsidenten gegenüber Medien und politischen Gegnern auch nach den Zwischenfällen. "Vieles kann dazu beigetragen haben", erklärte etwa der Senator aus Utah am Nachmittag. "Unsere Gesellschaft ist heute sehr komplex. Ich glaube, die Leute auf beiden Seiten sollten sich mäßigen." Der Präsident befinde sich in einer schwierigen Situation und werde von allen Seiten angegriffen. "Er muss in der Lage sein, seine Meinung zu äußern", erklärte Hatch.

Hillary Clinton meldete sich von einer Fundraisingveranstaltung im wichtigen Swing State Florida selbst zu Wort. "Wir leben in beunruhigenden Zeiten", erklärte die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. "Wir müssen alles tun, um das Land wieder zusammenzubringen." Sie nutzte die Zwischenfälle für eine Botschaft an die Wähler. "Wir müssen außerdem Kandidaten wählen, die das auch tun, und die Ziele setzen, die die Lage für alle Menschen in Florida und dem Rest Amerikas verbessern."

Das Wahlkampfteam von Trump entschuldigte sich noch am Mittwoch für die Warnschuss-E-Mail. Es habe sich um einen vorprogrammierten Newsletter gehandelt, der automatisch verschickt worden sei. Selbstverständlich verurteile man Gewalt gegen CNN und andere Medien.