Viel Geld hat in unserer Zeit verloren, wer auf Wahlausgänge gewettet hat – siehe allein die US-Präsidentenkür 2016 oder das Brexit-Referendum. Die Washington Post hatte damals einen "Erdrutsch" für Hillary Clinton vorausgesagt; das Weiße Haus ging an Donald Trump. In Großbritannien irrten die Umfragen ebenfalls, die noch am Vortag eine Mehrheit für den Verbleib gemeldet hatten.

Die amerikanischen Midterms – die Kongresswahlen in der Halbzeit – sind die große Ausnahme. Die Umfragen lagen richtig: Die Demokraten würden das Unterhaus erobern, die Republikaner den Senat behalten. So war es. Die Überraschung? Die Demokraten haben mit einem Plus von 26 Sitzen bedeutend weniger zugelegt, als die Erfahrung lehrt; die Republikaner haben ihre Mehrheit im Senat ausgebaut – von einem Sitz auf drei. Stand: Mittwochvormittag.

Dennoch: Schwer hatten es die Auguren diesmal nicht. Die Zwischenwahlen fungieren immer als Referendum über den neuen Präsidenten, wo das Wahlvolk Enttäuschung und Wut ablässt. Seit Kriegsende hat die Partei des Präsidenten Sitze in allen Midterms bis auf zwei verloren. Nur Bill Clinton hat 1998 mehr geholt und George W. Bush 2002. Beide waren anders als Trump hochpopuläre Figuren.

Der Fluch der Zwischenwahlen ist der eine Faktor; die Geschichte wiederholt sich. Ein zweiter Faktor ist die Zufriedenheit mit dem Mann im Weißen Haus. Die Faustregel: Wer in den Umfragen weniger als 50 Prozent Zustimmung kriegt, verliert im Durchschnitt 37 Sitze, notiert der Historiker Niall Ferguson von der Stanford Universität. Trump lag kurz vor den Wahlen bei 44 Prozent; folglich war das Schicksal der Republikaner am 6. November so gut wie ausgemacht.

Drittens die Parteipräferenz jenseits der einzelnen Kandidaten in den 435 Wahlkreisen: Wen ziehen sie vor, die "Esel" (das Wappentier der Demokraten) oder die "Elefanten" (Republikaner)? Um sich zu halten, darf eine Partei historisch gesehen nicht mehr als 4,5 Prozentpunkte zurückliegen; diesmal betrug das Minus der Republikaner 8,5.

Ergo der voraussagbare Verlust des Repräsentantenhauses, doch hat Trump, wiederum historisch betrachtet, mit seinem Tweet das Maul nicht zu voll genommen: "Großer Sieg heute Nacht. Danke an alle." Die "blaue Flut" (blau ist die Farbe der Demokraten) hat sich als milde Welle erwiesen. Das Wasser ist lila gefärbt – eine Mischung aus rot (Republikaner) und blau (Demokraten). Das ist das Rätsel: Angesichts von Hass und Wut, die sich gegen Trump aufgetürmt haben, hätten die Demokraten viel kräftiger zulegen müssen als mit 26 Sitzen; das sind nur drei mehr als sie für die Mehrheit im Repräsentantenhaus brauchten.