Als am 23. Juni 2016 eine Mehrheit der Briten für den Brexit stimmte, war vom beginnenden Zerfall der Union die Rede. Das Gespenst vom Frexit machte die Runde, vom Nexit, vom Öxit und Italexit. Die EU wirkte wie ein waidwundes Tier. Nicht ob, sondern wann es sterben würde – das schien die einzige Frage zu sein. An seine Stelle trat ein alter Bekannter. Der Nationalstaat erhob sein mächtiges Haupt. Er versprach seinen Bürgern Schutz und Hilfe.

Dort, wo die Union versagte, da würde er die Lösung finden, an den Grenzen vor allem. "Wir wollen unser Land zurück!" – der Slogan der Brexiteers hatte auch in anderen europäischen Ländern Erfolg. Und dieses Land wird, befreit von den Fesseln der Union, ein starkes Land sein. Das war das Versprechen.

Eineinhalb Jahr später sehen wir ein ganz anderes Bild. Die Union aus 27 Staaten spricht mit einer klar vernehmbaren Stimme, während sich in London seit Monaten eine Kakophonie erhebt. Die Europäische Union ist in den Verhandlungen geschlossen geblieben, während London in einer politische Krise versinkt, an deren Ende vieles stehen kann, aber eines sich nicht: ein stärkeres Großbritannien.

Die EU hat sich wider Erwarten gut geschlagen. Das ist erstaunlich. Immerhin haben wir uns ja seit geraumer Zeit an das Bild einer Union gewöhnt, die von inneren Konflikten zerrissen ist. Brüssel liegt im heftigen Streit mit Polen, mit Ungarn, mit Italien, und bald könnte auch einer mit Rumänien entflammen. Dabei geht es nicht um Kleinigkeiten, es geht um die Unabhängigkeit der Justiz, um Medienfreiheit und Rechte der Opposition – also um die Fundamente der Europäischen Union. Die Rede vom Zerfall der Union, die nach dem Votum der Briten aufkam, hat eine reale Grundlage. Die existenzielle Krise der EU war und ist kein Hirngespinst.

Die Härte Brüssels ist keine Strafaktion

Flussdiagramm mit den möglichen Ausgängen der Brexit-Verhandlungen

Trotzdem haben weder Polen noch Ungarn noch Italien noch sonst jemand während der mehr als ein Jahr lang andauernden Brexit-Verhandlungen quergeschossen. Das kann nur bedeuten, dass auch die Regierungen dieser Länder wissen, was sie an der Union haben. Sie bleiben lieber drinnen, weil es draußen offenbar kälter ist. Allerdings hat diese Formel einen sinistren Beigeschmack, wie vor allem das Beispiel Ungarn zeigt. Premier Viktor Orbán nimmt dankbar viele Milliarden aus Brüssel entgegen, während er gleichzeitig gegen die EU agitiert, als wäre sie eine Besatzungsmacht. Er sitzt im Lebensmittelladen und stopft sich den Magen voll, während er gleichzeitig und systematisch die Auslagen und Regale zerschlägt. Ähnliches gilt für Matteo Salvini, den derzeit erfolgreichsten italienischen Politiker und amtierenden Innenminister. Er attackiert Brüssel ohne Unterlass, weil er damit zu Hause Stimmen gewinnen kann. Weder Orbán noch Salvini bleiben in der EU, weil sie an ihren Wert glauben – sie bleiben, weil sie einen Nutzen von ihr haben.

Die EU blieb in den Brexit-Verhandlungen geschlossen, weil sie ihren Mitgliedern immer noch viel zu bieten hat. Deswegen durfte sie auch gegenüber Großbritannien in den Kernpunkten nicht nachgiebig sein. Sie musste beweisen, dass Nachteile hat, wer die Union verlässt. Die Härte Brüssels gegenüber London ist keine Strafaktion gegenüber den Briten, sondern eine existenznotwendige Haltung. Nur solange derjenige Vorteile hat, der innerhalb der Union bleibt, wird die Union in der einen oder anderen Form zusammenhalten.

Es besteht allerdings für Brüssel kein Grund zur Freude. Dessen Verhandlungsstärke beim Brexit sollte man nicht als allgemeine Stärke der Union interpretieren. Das wäre ein grober Fehler. Der Brexit – wie auch immer er dann kommen mag – ist eine dramatische Schwächung der Union. Die EU kämpft, das macht sie nicht schlecht, aber sie strotzt auch nicht vor Kraft. Möchte man den Brexit als ein Duell zwischen Nationalstaat und Union betrachten, hat ihn die Gemeinschaft gewonnen. Aber die EU ist schwer lädiert.

Manche überzeugte Europäer werden angesichts des Durcheinanders in London Schadenfreude empfinden. Andere werden das Chaos als Beweis dafür nehmen, dass der Nationalstaat als Modell ausgedient hat. Endlich können sie ihn zu Grabe tragen – zum wievielten Mal eigentlich?

Doch wäre es kurzsichtig und falsch, das Brexit-Votum als eine verrückte Schrulle der ohnehin immer schon etwas seltsamen Briten abzutun. Die Briten, die für den Brexit gestimmt haben, hatten einen Traum – sie glaubten und glauben, dass der Nationalstaat ihnen bessere Perspektiven eröffnen kann. Darüber sollte man sich jetzt nicht erheben. Denn diesen Traum träumten sie nur, weil die EU ihnen nicht bieten konnte, was sie brauchten – eine Heimat. Die Sehnsucht danach ist ja nicht allein auf die austrittswilligen Briten beschränkt. Da reicht ein Blick nach Italien. Wenn diese Sehnsucht als gestrig, engstirnig, reaktionär, als grundsätzlich verdächtig denunziert wird, wird sich das bitter rächen.