Eine geballte Folge historischer Gedenktage liegt hinter uns: viermal ein deutscher 9. November, im 20. Jahrhundert wiederholt ein Schicksalstag unserer Nation, dann in Frankreich zwei ergreifende Feierlichkeiten zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs. Im Wald von Compiègne besiegelten Angela Merkel und Emmanuel Macron die "allerletzte Versöhnung" zwischen Frankreich und Deutschland, am Triumphbogen in Paris gedachten 74 Staatslenker aus aller Welt des Waffenstillstandes, der vor 100 Jahren den bis dahin wohl blutigsten, schmutzigsten und sinnlosesten Krieg der europäischen Geschichte beendet hatte – Erinnerung zum einen, Mahnung zum anderen: "Nie wieder!"

Den 9. November 1918 hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Gedenkstunde des Bundestags als "Stiefkind unserer Demokratiegeschichte" bezeichnet, aber auch als einen Tag, der "für Licht und Schatten steht". Das Licht: die Revolution, welche die Monarchie abschaffte, die parlamentarische Demokratie einführte, Männern und Frauen das allgemeine und gleiche Wahlrecht bescherte und die Grundsteine des modernen Sozialstaats legte. Der düstere Schatten: das Scheitern der Weimarer Demokratie an den Lasten des verlorenen Krieges und der drückenden Bürde des Versailler Vertrages, an den Wirbelstürmen von Inflation und Wirtschaftskrise, vor allem jedoch an den linken und rechten Feinden der Demokratie, am übersteigerten Nationalismus, am politischen und moralischen Ruin des Landes durch die Nationalsozialisten.

Steinmeier erwähnte auch den 9. November 1923, den ersten Anlauf Adolf Hitlers zum Sturz der Republik. An der Spitze von 3.000 Mann zog der NSDAP-Chef damals neben General Erich Ludendorff und Hermann Göring in München vom Bürgerbräukeller zur Feldherrnhalle. Auf dem Odeonsplatz eröffnete er mit seiner Pistole das Feuer auf Landespolizei und Reichswehr, es gab 20 Tote und viele Verletzte. Der Putsch scheiterte, Hitler wurde verurteilt und schrieb in der Haftanstalt Landsberg den ersten Teil seines Mein Kampf. Zehn Jahre nach dem Putschversuch wurde er "Führer und Reichskanzler"; die Weimarer Demokratie war ihren Feinden erlegen.

Die Lehre, die daraus zu ziehen ist? Der Bundespräsident nahm kein Blatt vor den Mund: "So wenig der Demokratie am 9. November 1918 ihr Scheitern schon vorherbestimmt war, so wenig ist heute, 100 Jahre später, ihr Gelingen garantiert!" Sein Wunsch: dass sich möglichst viele Menschen im Land mutig für die Demokratie engagieren. Darüber hinaus jedoch: dass wir den "verbindenden Moment" finden, um die Fliehkräfte zu bändigen, die an unserer Gesellschaft zerren, und die tiefer werdenden ökonomischen und vor allem kulturellen Gräben zu überbrücken.

Der 9. November 1938 stellt in Steinmeiers Worten die "schwierigste und schmerzhafteste Frage der deutschen Geschichte" an uns. In der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht fragte auch Bundeskanzlerin Merkel: "Wie kam es dazu?" Etwa 1.400 Synagogen und Gebetsräume wurden geplündert, in Brand gesteckt, zerstört, 400 Juden ermordet, 7.500 Geschäfte demoliert, 30.000 jüdische Mitbürger in Konzentrationslager gesperrt. Die schändlichen Pogrome waren ein unübersehbarer Meilenstein auf dem Weg Nazideutschlands in den Zivilisationsbruch der Schoah, meist Holocaust genannt – die Ermordung von sechs Millionen Juden. "Es fehlen mir hier die Worte", sagte die Kanzlerin. "Unser Erschrecken und unsere Fassungslosigkeit reichen nicht aus." Der Bundespräsident ergänzte: "Die Antwort ist überhaupt nicht allein mit Worten zu geben" – sie sei nur durch unser Handeln zu geben. Die Lehren, die beide formulierten, sollte sich jeder Deutsche an den Spiegel hängen.

Steinmeier: "Wir müssen handeln, wo auch immer die Würde des anderen verletzt wird! Wir müssen gegensteuern, wenn eine Sprache des Hasses um sich greift. Wir dürfen nicht zulassen, dass einige wieder von sich behaupten, allein für das 'wahre Volk' zu sprechen, und andere ausgrenzen! Wir müssen widersprechen, wenn Gruppen zu Sündenböcken erklärt werden, wenn Menschen einer bestimmten Religion oder Hautfarbe unter Generalverdacht gestellt werden, und wir lassen nicht nach in unserem Kampf gegen den Antisemitismus!"

Merkel: "Unser Grundgesetz zieht die Lehre aus dem Grauen des Nationalsozialismus und dem Scheitern der Weimarer Republik, indem es in Artikel 1, Absatz 1 feststellt: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.' (…) Jeder Mensch ist einzigartig. Niemals dürfen Gruppen pauschal qualifiziert und unsere Gesellschaft in 'Wir' und 'Ihr', 'Wir' und 'die Anderen' unterteilt werden. (…) Der Staat muss entschlossen und konsequent gegen Verunglimpfung, Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsradikalismus vorgehen."

Was mich am vergangenen Wochenende am meisten beeindruckt, bewegt und beglückt hat, ist die in den deutschen und französischen Reden zum Ausdruck gekommene proeuropäische, antinationalistische Grundstimmung. "Nationalismus ist das genaue Gegenteil von Patriotismus – der Verrat am Patriotismus", sagte Macron. Steinmeier ist gleichen Sinnes: "Der Nationalismus vergoldet die eigene Vergangenheit, er suhlt sich im Triumph über andere." Die beiden sehen den Unterschied zwischen Nationalisten und Patrioten so wie Richard von Weizsäcker in seiner historischen Rede vom 24. Mai 1989: "Patriotismus ist Liebe zu den Seinen, Nationalismus ist Hass auf die anderen." Sie preisen einen Patriotismus, der Heimatliebe mit dem Bekenntnis zu Europa verbindet.

Der odd man out bei den Feierlichkeiten war der US-Präsident. Donald Trump war sichtbar zuwider, was er an lobenden Worten für Multilateralismus und internationale Zusammenarbeit, an Verurteilung auch von Protektionismus und America-First-Nationalismus zu hören und zu spüren bekam. Steinernen Gesichts, gelangweilt, abwesend und abweisend zugleich saß er in der ersten Reihe neben Angela Merkel und dem König Marokkos. Kürzlich erst hatte er wieder einmal gegen die Globalisten gewettert und sich selbst als Nationalisten bezeichnet. Lehren der Geschichte? Sie sind ihm fremd. Seine Politik greift zurück auf den Isolationismus der 1920er-Jahre.

Der Pate des Friedens war damals US-Präsident Woodrow Wilson. Mit seinem 14-Punkte-Programm hatte er 1918 den Anstoß zum Waffenstillstand gegeben. Bei der Pariser Friedenskonferenz spielte er dann eine beherrschende Rolle, doch gelang es ihm nicht, im Senat die Zustimmung für den Versailler Friedensvertrag und die darin vorgesehene Einrichtung des Völkerbundes – den Vorläufer der Vereinten Nationen – zu erlangen; der Beitritt der USA verfiel der Ablehnung. Wilsons Nachfolger Harding, Coolidge und Hoover lehnten sowohl bindende Allianzen als auch ökonomisches Entgegenkommen zur Erhaltung des Weltfriedens und der Weltwirtschaftsordnung ab. Nicht nur Ivo H. Daalder, ehemals US-Botschafter bei der Nato, nennt den damaligen Rückzug in die Isolation den "größten Fehler Amerikas".

Genau dort jedoch knüpft Donald Trump wieder an. Über die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation, das Nato-Bündnis schüttet er Spott und Häme aus. Selbst in dem Friedensprojekt der Europäischen Union sieht er einen Feind – und wirft sich in Osteuropa zum Patron eben jener Dämonen auf, vor deren Wiederkehr Emmanuel Macron wortgewaltig gewarnt hat. Trumps Nationalismus hat nicht nur die Pariser Gedenkfeierlichkeiten überschattet. Er verdunkelt die Zukunft.