Der Präsident des International Rescue Committee, David Miliband, war jüngst im Jemen. Hier beschreibt er, was die internationale Gemeinschaft – und vor allem Deutschland – tun muss, um den Krieg im Jemen zu beenden.

Zwei Todesfälle in jüngster Zeit haben die Aufmerksamkeit der Welt auf das Hause Saud gelenkt: zum einen die brutale Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi. Zum anderen der langsame Hungertod der siebenjährigen Amal Hussain. Ein Foto der New York Times zeigte das Mädchen abgemagert auf einem Krankenhausbett im Nordjemen und schockierte die Welt. Die akute Gefahr besteht darin, dass noch viel mehr Menschen aufgrund mangelnder politischer Führung sterben. 

Erst vor Kurzem war ich im Jemen, in meiner Position als Präsident des International Rescue Committee. In den Dreißigerjahren von Albert Einstein gegründet, sind wir als humanitäre Hilfsorganisation heute in mehr als 40 von Konflikten und Kriegen zerrütteten Ländern tätig. Auch der Jemen zählt dazu. Dort sind  fast zwei Millionen Kinder akut unterernährt, 400.000 von ihnen stehen kurz vor dem Hungertod. 22 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Mehr als die Hälfte des Landes hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, was zum schlimmsten Cholera-Ausbruch der Geschichte führte: 1,2 Millionen Menschen sind betroffen. Über 50 Prozent der Gesundheitsinfrastruktur im Land sind zerstört, seit über zwei Jahren erhält das Gesundheitspersonal keinen Lohn mehr. Während meines Aufenthalts im Jemen sah ich aufgrund des Kraftstoffmangels kilometerlange Warteschlangen an Tankstellen. Der Jemen-Rial ist kaum noch etwas wert, die Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Da überrascht die Warnung der Vereinten Nationen nicht, dass 14 Millionen Menschen von einer Hungersnot bedroht sind.

Doch die schlimmste humanitäre Krise der Welt ist in Wirklichkeit eine politische Krise. Das humanitäre Leiden resultiert nicht aus einer Naturkatastrophe wie einer Dürre, sondern ist von Menschen gemacht. Der von der Houthi-Bewegung angeführte Putsch hat einen bereits viele Jahre lang anhaltenden Krieg ausgelöst, in dem 18.000 Luftangriffe der von Saudi-Arabien geführten Koalition und heftige Kämpfe auf beiden Seiten den Jemen an den Abgrund geführt hat. 56.000 Menschen wurden bei den Kämpfen getötet oder verwundet, davon 50 am selben Tag wie Jamal Khashoggi.

Obwohl die Houthis immer eine Rolle in der jemenitischen Gesellschaft gespielt haben, haben sie in letzter Zeit zunehmend Unterstützung aus dem Iran erhalten. Der Krieg im Jemen ist nicht nur ein Bürgerkrieg – er ist zu einer Momentaufnahme einer größeren Spaltung der arabischen Welt geworden. Raketenangriffe aus den Houthi-kontrollierten Gebieten in das benachbarte Saudi-Arabien sollen auf iranischen Lieferungen beruhen.

Trotz enormer Kriegsausgaben scheint die Taktik Saudi-Arabiens nicht aufzugehen.Der Iran ist stärker als vor vier Jahren, die Koalition ist stärker fragmentiert. Die Bombenangriffe haben Krankenhäuser, Wasseraufbereitungsanlagen, Farmen und Fabriken zerstört, aber die Houthi-Kämpfer, die sich im Nordjemen verschanzt haben, haben sie nicht vertrieben. Das Chaos ist zu einem Nährboden für Extremisten geworden, den Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) und der "Islamische Staat" (IS) nutzen, um Anhänger zu gewinnen.

Der aktuelle Schwerpunkt der militärischen Bemühungen und der humanitären Krise liegt in Hodeidah am Roten Meer. Vor den von Saudi-Arabien angeführten Angriffen war die Hafenstadt Heimat von rund 600.000 Zivilisten und das Tor für 80 Prozent der humanitären und kommerziellen Lieferungen des Jemen aus dem Ausland. Den Forderungen von IRC und anderen Nichtregierungsorganisationen, die Stadt nicht anzugreifen, wurde nicht nachgegangen. Seit dem Appell der USA nach einer Beendigung der Kämpfe vor zwei Wochen ist die militärische Aktivität sogar noch gestiegen. In der vergangenen Woche starteten Milizen, die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt werden, eine Bodenoffensive auf Hudaida. Die Auffassung, dass der Aufruf der USA rein rhetorisch und nicht aussagekräftig sei, ist alarmierend – und fördert weitere Militäraktionen.

Es ist klar, dass die derzeitige militärische Strategie die Dinge nicht nur politisch, sondern auch auf humanitärer Ebene verschlimmert. Dabei zeigt sich, wie eine politische Lösung aussehen könnte: Für Zusagen der Houthis, die Angriffe auf Saudi-Arabien einzustellen, wird im Gegenzug im Rahmen der neu auszuhandelnden Verfassungsordnung die Dezentralisierung der Staatsmacht auf die Landesteile geregelt. Dazu der Austausch von Gefangenen und die medizinische Versorgung von Verwundeten. Und vor allem: die Erleichterung humanitärer Hilfe und wirtschaftlicher Tätigkeiten, um die dringendste Not zu lindern und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Deutschland hat die Folgen des Krieges offen angemahnt und wird demnächst einen Sitz im UN-Sicherheitsrat übernehmen. Damit kann die Bundesrepublik eine wichtige Rolle spielen, Worte auch in politisches Handeln umzuwandeln.