In der afghanischen Hauptstadt Kabul hat ein Selbstmordattentäter eine Bombe gezündet und mindestens sechs Menschen getötet, darunter mehrere Polizisten. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte, mindestens 20 weitere seien verletzt worden. Ein Polizist sagte, er habe zehn bis 15 Opfer gesehen, die tot oder verletzt am Boden lagen.   

Ganz in der Nähe hatten Hunderte Demonstranten gegen Anschläge der radikalislamischen Taliban auf Angehörige einer schiitischen Minderheitsgruppe protestiert. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, der Attentäter sei zu Fuß unterwegs gewesen und habe sich inmitten der Demonstranten in die Luft sprengen wollen. Er sei aber bei einer Sicherheitskontrolle rund 200 Meter vom Ort der Kundgebung entfernt aufgehalten worden und habe dann eine Sprengstoffweste gezündet. Die meisten Opfer seien Sicherheitskräfte. 

Zu dem Anschlag bekannte sich die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Der IS habe eine Versammlung von Schiiten ins Visier genommen, hieß es in einer von seinem Sprachrohr Amak verbreiteten Erklärung. Sowohl der regionale IS-Ableger als auch die Taliban haben in Kabul zuletzt zahlreiche Anschläge verübt.

Demonstranten fordern mehr Unterstützung für die Hasara

Auf der Demonstration protestierten Angehörige und Unterstützer der schiitischen Hasara-Minderheit seit Sonntagabend gegen die Taliban. Sie zogen in Richtung Präsidentenpalast und forderten die Regierung auf, für Sicherheit zu sorgen. Die Taliban haben in der vergangenen Woche zwei Bezirke der Provinz Ghasni angegriffen, die hauptsächlich von der Minderheit der Hasara bewohnt wird. Die Taliban sind zumeist sunnitische Paschtunen, und die Kämpfe in Ghasni sind auch Ausdruck der Feindseligkeit zwischen diesen Volks- und Religionsgruppen. Die Regierung hatte zusätzliche Militärtruppen in diese beiden Bezirke – Dschaghuri und Malistan – entsandt, um gegen die Taliban zu kämpfen. Hasara-Kämpfer schlossen sich der Armee an und unterstützen sie seitdem.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid hatte die Angriffe für seine Gruppierung reklamiert. In einer Textbotschaft an die Medien schrieb er, seine Gruppierung hätte den Bezirk Malistan erobert. Von den Behörden dort lag aber zunächst keine Reaktion vor.

Infolge der Kämpfe sind am Wochenende binnen 48 Stunden mindestens 60 Sicherheitskräfte und bewaffnete Zivilisten ums Leben gekommen. Der afghanische Präsident Aschraf Ghani versprach den Demonstranten als Reaktion auf ihren Protest, Verstärkung in die Gebiete zu schicken. Die Demonstranten erklärten, er habe dafür 24 Stunden Zeit. Sollten bis dahin keine zusätzlichen Truppen eintreffen, würden sie ihre Proteste fortsetzen.

Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert sich

Insgesamt verschlechtert sich die Sicherheitslage im Land kontinuierlich. Die Taliban sind wieder erstarkt, die Regierung kontrolliert nur noch etwa die Hälfte des Landes. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2015. Allein im November überfielen die Taliban mindestens sechs Militärbasen im ganzen Land und töteten Dutzende Sicherheitskräfte.

Zudem haben laut einem neuen Bericht des Sonderinspekteurs des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar) die afghanischen Sicherheitskräfte Schwierigkeiten, ihre personelle Stärke zu halten. Sie liege rund 40.000 Soldaten unter ihrer Zielstärke von 352.000 Soldaten und Polizisten. Manche Experten schätzen, dass ein Drittel der Sicherheitskräfte sogenannte Geistersoldaten und -polizisten sind. Diese haben ihre Posten verlassen, wurden aber nicht von der Gehaltsliste gestrichen. Viele andere gelten als schlecht ausgebildet und unqualifiziert. Die Zahl der Taliban-Kämpfer liegt laut afghanischen Militärexperten bei rund 60.000.

Ghasni ist die einzige der 34 Provinzen Afghanistans, in der die Parlamentswahl vom Oktober aus Sicherheitsgründen nicht abgehalten werden konnte. Die Abstimmung dort wurde um ein Jahr verschoben.

Erneuter Abschiebeflug nach Kabul

Trotz der sich verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan sollen am Dienstag erneut abgelehnte Asylbewerber aus Deutschland nach Kabul abgeschoben werden. Laut Bayerischem Flüchtlingsrat gebe es Hinweise, dass der Flug am Dienstag um 23.10 Uhr vom Flughafen Leipzig/Halle starte. Seit Dezember 2016 wurden bisher 383 Männer in 17 Sammelabschiebungen nach Afghanistan zurückgebracht.