Der Vorsitzende der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, empfiehlt den sozialdemokratischen Parteien in Europa, sich deutlich nach links zu orientieren. Seine Partei habe eine "radikale Alternative" gewählt und damit großen Erfolg gehabt, sagte Corbyn in einem Interview mit dem Spiegel.

Bei den Wahlen zum britischen Unterhaus im vergangenen Jahr hatte Labour 40 Prozent der Stimmen geholt. Die konservative Premierministerin Theresa May verlor dagegen ihre Regierungsmehrheit und ist im Parlament seitdem auf die Unterstützung der nordirischen protestantischen DUP angewiesen.

Der falsche Umgang mit der Finanzkrise

Den Niedergang der Sozialdemokraten in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden erklärt Corbyn in dem Interview durch einen falschen Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008. Linke Parteien müssten eine schlüssige Anti-Austeritäts-Politik verfolgen und sich die Frage stellen, ob sie "brutale Sparzwänge" im Wirtschaftssystem weiter dulden wollten.

Trotz niedriger Arbeitszahlen und Wirtschaftswachstum hätten viele Briten zu schlechte und zu unsichere Arbeit. "Das Ausmaß an Frust und Verzweiflung in postindustriellen Regionen ist riesig", sagt der Labour-Chef. Seine Partei setze deswegen auf eine Umverteilung des Reichtums und die Stärkung von Arbeitnehmerrechten. Eine solche Politik ist für Corbyn auch eine Korrektur des sogenannten "Dritten Wegs". Unter diesem Titel hatte der frühere britische Premier Tony Blair Mitte der Neunzigerjahre verstärkt auf eine Privatisierung der nationalen Wirtschaft gesetzt.  

"Wir können den Brexit nicht mehr stoppen"

Den Austritt aus der EU würde Jeremy Corbyn im Gegensatz zu Tony Blair nicht rückgängig machen: "Wir können den Brexit nicht mehr stoppen. Das Referendum hat stattgefunden, der Scheidungsprozess läuft." Wäre er an der Regierung, würde er "eine neue und umfassende Zollunion mit der EU" anstreben. So blieben die Zulieferketten erhalten und auch eine harte nordirisch-irische Grenze sei nicht notwendig.

Den Vorwurf, er dulde Antisemitismus in den eigenen Reihen, wies Corbyn zurück. Judenhass sei eine "widerliche Form des Rassismus" und müsse aus der Gesellschaft getilgt werden.

Von einem Kult um seine Person will Corbyn nichts wissen. Dass insbesondere junge Leute ihn unterstützten, zeige nur, dass seine Partei den Menschen wieder Hoffnung gebe. Mit Blick auf seinen 70. Geburtstag und seine Zukunft in der Politik sagte Corbyn: Er sei jung, gesund, ernähre sich vegetarisch, rauche und trinke nicht.