Sind die Amerikaner nicht mehr zu retten? Ein im Land weithin unpopulärer Präsident, den weit mehr als die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger für eine Fehlbesetzung hält und 47 Prozent sogar absolut ablehnen, kommt bei den Halbzeitwahlen leidlich davon?

Aus deutscher Sicht ist das Resultat dieser Midterms nicht zu begreifen: Donald Trumps Republikaner verlieren zwar die Mehrheit im Abgeordnetenhaus, können jedoch ihre Mehrheit im Senat ausbauen. Und auch die Gouverneurswahlen in mehr als 30 US-Bundesstaaten fallen für sie nicht so verheerend aus wie eigentlich erwartet. Warum bloß, fragt man sich, haben die Wählerinnen und Wähler den unbeliebten Trump und seine Partei nicht weit härter bestraft?

Die Antwort ist einfach: Weil diese Wahl nicht in Deutschland, sondern in Amerika stattgefunden hat – und dieses Amerika ist am 6. November trotz und wegen Trump zu seiner politischen Normalität zurückgekehrt. Das mag man mit guten Gründen bedauern, aber es ist so.

Diese Normalität bedeutet: Die amerikanische Gesellschaft bleibt politisch gespalten – und zwar in zwei fast gleich große Teile. Wie schon seit ewigen Zeiten haben mal die Republikaner, mal die Demokraten den entscheidenden Vorsprung. Der Abstand zwischen den zwei Parteien ist nicht sehr groß, über Sieg oder Niederlage entscheiden oft nur wenige Prozentpunkte.

Regierung wird für den Präsidenten komplizierter

Normalität heißt für viele Amerikaner auch: geteilte Macht. Vor allem die Wähler der politischen Mitte, die Ungebundenen, die Wechselwähler, mögen es nicht, wenn alle Macht in der Hand nur einer Partei liegt. Das aber war die vergangenen zwei Jahre der Fall, da beherrschten die Republikaner beide Kammern des Kongresses sowie das Weiße Haus. Damit ist nun Schluss.

Heiko Maas - Auf »America First« müsse man mit »Europe United« antworten Die US-Außenpolitik wird davon abhängen, wie Demokraten und Republikaner zusammenarbeiten, so Außenminister Heiko Maas. Er plädiert für eine europäische Zusammenarbeit mit den USA. © Foto: Kay Nietfeld

Die Folge: Für Trump und seine Partei wird das Regieren weit komplizierter. Die neue demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus kann und wird ihnen das politische Leben nach Kräften schwer machen. Zum Beispiel mit Untersuchungsausschüssen, die Trumps undurchsichtige Finanzgeschäfte durchleuchten. Die haben unter anderem das Recht, unter Strafandrohung Zeugen zu laden und Dokumente anzufordern.  

Im Zentrum der Aufmerksamkeit wird wohl bald ein demokratischer Abgeordneter stehen, den bislang kaum jemand kennt: Richard Neal aus dem Bundesstaat Massachusetts. Er wird aller Voraussicht nach Vorsitzender des mächtigen Committee on Ways and Means werden. Dieser für die Finanz-, Haushalts- und Steuerpolitik zuständige Ausschuss könnte sich bald für Trumps bislang geheim gehaltene Steuererklärungen interessieren.