Die US-Wähler haben entschieden: Das Repräsentantenhaus fällt in demokratische Hand, im US-Senat haben die Republikaner dagegen noch Sitze hinzugewonnen. Die noch vor wenigen Wochen prognostizierte blauen Welle – die parlamentarische Machtübernahme der Demokraten – haben die Wählerinnen und Wähler damit verhindert. Sie wollen auch Trump, der damit kein Wahlverlierer ist. "Trump wurde nicht als historische Dummheit weggespült. Vielmehr hat er den Wahltest zur Hälfte bestanden", kommentiert Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung. Zwar sei der Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus beeindruckend und ein Beleg dafür, wie wichtig der Kampf um jede einzelne Stimme sei. "Das reicht nicht aus, um zu richten, was dieser Mann verbrochen hat. Trump hat eine Kraft in Amerika geweckt, die mächtig ist, undemokratisch und voller Hass. Nun ist gewiss, dass diese Kraft bleiben wird", resümiert Kornelius. Amerika bleibe ein gespaltenes Land.

Ähnlich wertet Carsten Luther das Wahlergebnis bei ZEIT ONLINE: "Die hohe Wahlbeteiligung zeugt davon, dass Trump das Land weiter in Aufruhr hält. Doch sie ist in beiden politischen Lagern getrieben von einer gesellschaftlichen Polarisierung, die schon immer vorhanden, aber selten so existenziell war." Die eine Seite habe mit der anderen nichts mehr zu besprechen, für Kompromisse gebe es keinen Raum mehr. Immerhin sorge der Sieg der Demokraten dafür, dass die Regierung mehr Rechenschaft über ihre Arbeit ablegen muss. Das von den Trump-Gegnern erhoffte unmissverständliche Signal, "dass Amerika die Wahl dieses Präsidenten wirklich verstanden, bereut und verarbeitet hat", blieb aus.

Dennoch gab es ein Signal: Eigentlich hätte es für die Republikaner ein Leichtes sein sollen, die Midterm-Wahlen zu gewinnen, schreibt Richard Wolffe im Guardian. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem historischen Tiefstand, die Löhne steigen. Aber die Wählerinnen und Wähler hätten gezeigt, "dass es bei Trumps tollem Anti-Immigranten-Rassismus und erstaunlich schamlosen Sexismus klare Wahlgrenzen gab". Es habe sich gezeigt, "dass der sogenannte Populismus nicht so populär ist".  

"Trump bleibt stark"

Sheryl Gay Stolberg von der New York Times differenziert: Die Stärke von Trump in ländlichen Gebieten habe dem Senat genutzt. "Aber die Wähler in den Städten im ganzen Land haben dem Weißen Haus eine klare Botschaft gesandt: Sie wollen, dass der Präsident kontrolliert wird." Ihr Kollege Peter Baker analysiert, dass Trump künftig abwägen müsse, ob er den gewaltsamen Konflikt der vergangenen Jahre weiterführen oder eher auf versöhnliche Töne setzen wolle – ein Schritt, der seine Präsidentschaft aber bislang nicht geprägt habe. Mit dem Verlust der Mehrheit im Kongress sei Trump nun auch nicht mehr gegen Ermittlungen in persönlichen und politischen Angelegenheiten geschützt, die die Demokraten anstrebten würden – sei es in Bezug auf Steuererklärungen, die er geheim gehalten hat, Trumps Beziehungen zu Russland oder andere Interessenkonflikte.

Die Alleinherrschaft des Präsidenten und seiner Republikaner sei gebrochen, schreibt Roland Nelles bei Spiegel Online. "Von nun an haben die Demokraten einen wichtigen Hebel in der Hand: Mit ihrer neuen Mehrheit im Repräsentantenhaus können sie Trump besser kontrollieren und ausbremsen." Nun gebe es ein politisches Gegengewicht in Washington.

In der Washington Post wird der Sieg der Demokraten als Beleg dafür gewertet, dass die Demokratie in dem Land noch funktioniere. Dennoch, schreibt Ed Rogers, sei Trump der wahre Wahlgewinner. Die Demokraten hätten sich im Vornherein zu arrogant gezeigt. Vieles von dem, was sie sagten, habe sich als falsch herausgestellt: "Wenn die Midterms 2018 eins gezeigt haben, dann, dass Trump stark bleibt während die Demokraten und ihre Verbündeten (...) abgelehnt wurden."

Die Anti-Trump-Welle, von der führende Demokraten schwärmten, habe sich in Wirklichkeit nur punktuell gezeigt, kommentiert auch Andreas Ross in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Die Amerikaner haben sich zwei Jahre nach Trumps Wahl viel weniger stark von der Politik des Präsidenten distanziert, als sie 2010 der Politik des damals neuen Präsidenten Barack Obama eine Absage erteilten." Damals konnten die Republikaner Obamas Demokraten 63 Abgeordnetenmandate abnehmen. Eine vergleichbar große Zahl gab es dieses Mal nicht.