Unterstützerinnen von Delgado demonstrieren in Kingston. © Thorsten Schröder für ZEIT ONLINE

Demokraten und liberale Medien werfen den Republikanern vor, mit dem Werbespot bewusst rassistische Botschaften zu senden. Faso und sein Team zählten darauf, dass die eigene Basis aus Fanatikern bestehe, schrieb die New York Times. Im Inn at Leeds kommt die Botschaft des Clips ungeachtet der Kritik an. Delgado sei "antiamerikanisch", das habe er als Rapper mehr als deutlich gemacht, sagt Corry Birk. Die Haare des 31-Jährigen mit dem runden Gesicht sind kurz geschoren, Birk ist kräftig und blass, die Schultern fallen nach vorne, die Haltung täuscht darüber hinweg, dass er deutlich jünger ist als die meisten hier. Faso, sagt er, stehe für dieselben Werte wie er. Welche das sind? Er unterstütze Veteranen und den Zweiten Verfassungszusatz, der das Recht auf Waffenbesitz garantiere.

"Delgado ist viel zu liberal", sagt auch Linda Obervaugh. Lange saß sie selbst für die Region im Gemeinderat, heute ist sie im Ruhestand. Die Menschen hier oben seien ein "sehr konservativer Haufen", sagt sie und lächelt wie zur Entschuldigung. Mit jemandem wie Delgado, der sich für ein Recht auf Abtreibung einsetze, könnten sie nichts anfangen. Er habe all diese "grandiosen" Ideen, aber keine Ahnung, wie er dafür zahlen wolle. Die Republikanerin steht am Eingang des großen Cafés und blickt durch die Gardinen nach draußen. Dort hat sich schon vor Beginn der Veranstaltung eine kleine Gruppe an Demonstranten eingefunden. Sie sei durch den Kücheneingang gekommen, sagt Obervaugh.

"Er weiß genau, was er tut"

"Wir müssen als Land besser sein als das", erklärt Rabbi Jael Romer auf der Straße vor dem Café. Erst vor einer Woche hat ein Attentäter elf Menschen in einer Synagoge in Pittsburgh getötet, wenige Tage zuvor wurde in Florida ein Mann festgenommen, der Briefbomben an führende Demokraten und liberale Medien geschickt hatte. Auch Faso mache sich mitschuldig, wenn er die Angriffe auf seinen politischen Gegner nicht zurückweise, meint sie. Hier oben gebe es Menschen, die mit der Hautfarbe von Delgado ein Problem hätten. 84 Prozent des Bezirks sind weiß. "Er weiß genau, was er tut", sagt Romer über Faso.

Ob der aggressive Kurs hier und anderswo im Land aufgeht, ist zweifelhaft. Seit der Werbespot der Republikaner ausgestrahlt wurde, hat Delgado Spenden aus dem ganzen Land erhalten, jetzt hat er doppelt so viel Budget wie Faso. Selbst der ehemalige Vizepräsident Joe Biden kam ins Hudson Valley, um für den jungen Demokraten zu werben. Zugleich, glauben Beobachter, laufe Faso Gefahr, mit seiner Sprache moderatere Republikaner im Bezirk, die die Partei vor allem wegen ihrer Steuerpolitik und dem Wunsch nach einem kleineren Staat wählen, zu verschrecken. Im Vergleich zum Vormonat hat Delgado in den Umfragen noch einmal ein paar Punkte gut gemacht. Sollte die Trump-Strategie hier scheitern, meinen viele, könne das den künftigen Kurs der Republikaner auch anderswo beeinflussen.

In Kingston, rund 20 Autominuten von Leeds entfernt, haben die Angriffe gegen ihren Kandidaten die Demokraten auf der Zielgeraden noch einmal motiviert. Vielleicht 40 Unterstützer von Delgado haben sich vor dem Büro von John Faso versammelt, wie jeden Freitag seit mehr als einem Jahr. Einige haben Schilder dabei: "Gesundheitsversorgung ist lebensnotwendig" und "Faso ist nicht auf eurer Seite" oder "Faso lügt, feuert ihn". Viele der vorbeifahrenden Autos hupen zur Unterstützung. Nicht alle hier haben in den Vorwahlen für Delgado gestimmt, er war ihnen nicht links genug, manche hatten da noch gar nicht von ihm gehört. Jetzt ist er ihr großer Hoffnungsträger. "Sie setzen auf rassistische Anspielungen, weil sie sonst nichts haben", sagt Callie Jayne, die die Proteste von Anfang an mit organisiert hat. Trotzdem fürchten viele von ihnen, dass das Video bei den Menschen hier oben seine Wirkung nicht verfehlen werde.

"Gerade ist die Chance so groß wie nie"

Auch Delgado selbst ist heute hier. Er trägt eine schwarze Fleece-Jacke und spricht durch ein Megaphon, die meisten der Umstehenden überragt er um einen Kopf. Wenn er spricht und in Fahrt kommt, dann hört sich seine Rede tatsächlich ein bisschen wie ein Rap-Song an. Delgado weiß, wie er seine Worte wirken lassen kann. Er spricht von der Spaltung, mit der die andere Seite ablenken wolle von den eigentlich wichtigen Themen und dass sie jetzt zusammen kämpfen müssten, wenn sie wirklich etwas verändern wollten. Wie später am Abend in Hyde Park – wo er sich in einer vollen Kirche noch einmal den Wählern stellen wird und wo die Begeisterung für den jungen Demokraten auch unter den älteren, weißen Besuchern groß ist – wirbt er für klassische demokratische Positionen.

Die Republikaner in Washington würden jenen die Gesundheitsversorgung wegnehmen, die es am nötigsten hätten. Sie würden die Klimakrise ignorieren und der Ausbildung im öffentlichen Schulsystem die Gelder entziehen. "Heute hört man von Lehrern nur, wenn es darum geht, sie zu bewaffnen oder die Schulen zu privatisieren." Die einfachen Arbeiter, die einst im Zentrum gestanden hätten, seien unter Beschuss, die Kosten stiegen, aber die Löhne blieben gleich. Die Gier habe Einzug gehalten in Amerika. "Aber wir können das Ruder herumreißen. Und gerade ist die Chance so groß wie noch nie." Als er fertig ist, ertönen die Trommeln, die einige mitgebracht haben. "Delgado, Delgado", ruft die Gruppe. Vier Tage bleiben. "Lasst uns das Ding über die Ziellinie bringen", sagt er.

© Thorsten Schröder für ZEIT ONLINE