Der Ausgang der Kongresswahlen in den USA ist völlig ungewiss. Doch eines lässt sich schon vor Öffnung der Wahllokale an diesem Dienstag sagen: Es werden weit mehr Amerikanerinnen und Amerikaner abstimmen als bisher bei solchen Midterms. Dass so viele wählen gehen wollen, hat vor allem einen Grund: Das Land ist politisch polarisiert. Die eine Seite Amerikas will jetzt machtvoll zeigen, dass die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten ein historischer Irrtum war, der dringend korrigiert gehört. Die andere Seite will nicht minder machtvoll das Gegenteil demonstrieren.

Für Trumps Widersacher, die Demokraten, geht es an diesem heutigen Wahltag, wie Ex-Präsident Barack Obama sagt, um "Amerikas Charakter" – also um nichts Geringeres als die Zukunft der Vereinigten Staaten als eine tolerante, weltoffene Nation. Für Trumps Anhängerinnen und Anhänger, die Republikaner, hingegen steht laut Donald Trump nicht weniger als "Amerikas Identität" auf dem Spiel: die von Einwanderern bedrohte Zukunft als ein weißes, christliches Land.

USA - Kongresswahlen haben begonnen Es sind die ersten Kongresswahlen in den USA, seit Donald Trump Präsident ist. Neu gewählt werden unter anderem alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses und ein Teil des Senats. © Foto: picture alliance/Patrick Semansky/AP/dpa

Die Umfragewerte für Trump sind schlecht, nur etwa 42 Prozent der Amerikaner sagen, er mache einen guten Job. Als sein Vorgänger, der demokratische Präsident Obama, bei den Halbzeitwahlen 2010 und 2014 ähnlich schlecht dastand, verlor seine Partei erst ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus und bei den zweiten Midterms auch jene im Senat.

Radikalisierung ist kein Zukunftskonzept

Sollte es den Demokraten jetzt nicht gelingen, die Vorherrschaft der Republikaner wenigstens im Abgeordnetenhaus sowie in etlichen Parlamenten der Bundesstaaten zu brechen, ist es wahrscheinlich, dass sich Trump zur Präsidentschaftswahl in zwei Jahren im Amt halten kann. Dann wäre seine Wahl keine einmalige Entgleisung gewesen.

Der Blick auf die Demokraten lässt aber vergessen, dass die Republikanische Partei – zumindest mittelfristig – in einer ebenso prekären Lage ist. Das gälte selbst für den Fall, dass die Republikaner aus den Halbzeitwahlen unerwartet als Sieger hervorgehen oder nur leicht geschwächt davonkommen sollten.

Es mag abwegig klingen, doch die von Trump betriebene politische Radikalisierung der Republikaner ist kein Zukunftskonzept. Denn jene Wähler, die sich im Augenblick noch erfolgreich von Trump mobilisieren lassen, geraten demografisch Schritt für Schritt in die Minderheit. Sämtliche Umfragen prognostizieren: Spätestens 2040 werden die weißen Amerikanerinnen und Amerikaner mit europäischen Wurzeln nur noch knapp 50 Prozent der Staatsbürger ausmachen. Sie aber sind das derzeitige Rückgrat der Republikanischen Partei.

USA - Darum geht es bei den Midterms Am 6. November werden in den USA die Abgeordneten für Senat und Repräsentantenhaus gewählt. Was sich durch die Wahl verändern könnte, erklärt unser Video.

Die Mehrheit werden dann die Minderheiten bilden, die Afroamerikaner, die Amerikaner mit lateinamerikanischer und asiatischer Abstammung. Die aber neigen momentan eher den Demokraten zu. Kein Wunder, denn die Republikanische Partei Trump'scher Prägung hat es sich mit diesen Minderheiten verdorben: Statt Inklusion betreibt sie politisch Spaltung und Ausgrenzung. Der Ruck nach rechts verprellt außerdem jene wachsende Schar weißer Amerikaner, die einen Collegeabschluss besitzt, die an den Küsten und in den großen Städten lebt und kulturell wie sozial eher liberal denkt.