Vor zwei Jahren waren sich die Experten im Land einig: Es stand ein klarer Sieg von Hillary Clinton bevor. Die New York Times sah die Chance auf einen Clinton-Sieg noch in der Wahlnacht bei mehr als 80 Prozent. Wenige Stunden später herrschte Ernüchterung, alle Zahlen hatten sich als falsch herausgestellt. Donald Trump gewann Bundesstaaten, die eigentlich sicher an die Demokraten hätten gehen sollen. Trotz aller Prognosen wurde Trump Präsident der Vereinigten Staaten.

Die Wut über die Umfragen war vor allem unter Demokraten groß. Sie hätten das Land in die Irre geführt. "2016 hat den Umfragen die Glaubwürdigkeit genommen", sagt Wahlexperte William Galston vom Thinktank Brookings Institution in Washington.

Vor den Kongresswahlen an diesem Dienstag ist der Optimismus unter den Demokratinnen dank der Prognosen ähnlich groß wie damals. Nahezu alle Umfragen sehen die Chancen der Demokraten, das Repräsentantenhaus zurückzugewinnen und damit wieder handlungsfähiger zu sein gegen die Politik des Präsidenten, bei mehr als 80 Prozent. Die Zahlen und der Optimismus wecken gleichermaßen Erinnerungen – und sorgen kurz vor der Wahl bei vielen genau deshalb für Unruhe. "Was, wenn die Umfragen wieder danebenliegen?", fragte NPR, das National Public Radio, am Montag.

Nicht alle halten die Kritik an den Zahlen für gerechtfertigt. "Die Umfragen waren nicht perfekt, aber sie waren nicht schlechter als in anderen Jahren", sagt Joshua Dyck, Wahlexperte an der University of Massachusetts Lowell. Die nationalen Umfragen hätten vor zwei Jahren korrekt vorhergesagt, dass Hillary Clinton die Mehrheit der Stimmen gewinnen würde. Das Problem seien einige wenige Bundesstaaten wie Michigan und Wisconsin gewesen, in denen es an ausreichend genauen Daten gefehlt habe. Eine kleine Fehlermarge habe Trump am Ende gereicht, um sich die Präsidentschaft zu sichern. Clinton hatte landesweit etwa drei Millionen Stimmen mehr als Trump bekommen, dieser aber die entscheidenden Bundesstaaten, um die Mehrheit der Wahlmänner und -frauen auf sich zu vereinen.

Mehr Daten

Seitdem haben sich die Modelle verbessert. Die New York Times etwa hat laut Dyck im Vorfeld der Kongresswahlen Befragungen in 100 Bezirken durchgeführt. "So viele Daten hatten wir noch nie zur Verfügung, das hat die Genauigkeit der Modelle verbessert." In den sechs durch Ruhestand oder Rücktritt ausgelösten Sonderrennen für das Repräsentantenhaus im Frühjahr lag die Fehlermarge im Schnitt bei 4,0 Prozentpunkten und damit 1,1 Prozentpunkte niedriger als bei ähnlichen Umfragen zwischen 2004 und 2016. Auch bei Duellen um Senatssitze und Gouverneursposten lagen die Umfragen 2017 und 2018 entweder genauso gut oder besser als der Schnitt zwischen den Jahren 1998 und 2015.

Die Fehler würden vor allem bei der Interpretation der Daten gemacht. "Die Leute lesen, dass die Chance bei 85 Prozent liegt und halten es für eine ausgemachte Sache", sagt Dyck. Darin liege die Gefahr der Vorhersagen. Auch jetzt sei zwar nahezu sicher, dass die Demokraten die Mehrheit der Stimmen gewinnen würden, doch gebe es trotzdem zahlreiche Faktoren, die den Ausgang beeinflussen könnten. Ein Beispiel: In vielen Bundesstaaten sind die Bezirke zugunsten der Republikaner verzerrt. Da lasse sich schwer vorhersagen, wie sich die Umfragen in tatsächlichen Sitzen niederschlagen werden. "Es gibt einen hohen Grad an Unsicherheit", sagt Dyck.