Nach monatelangen Verhandlungen gibt es einen Entwurf für ein Brexit-Abkommen zwischen der EU und Großbritannien. Die britischen Medien sind sich einig, dass Premierministerin Theresa May jetzt vor den eigentlichen Herausforderungen steht: das Abkommen durchs Parlament zu bekommen und gleichzeitig ihre politische Zukunft zu sichern.

Der konservative Daily Telegraph zitiert May mit den Worten: "Es werden schwierige Tage bevorstehen". Die Zeitung lässt Mays ehemaligen Stabschef Nick Timothy zu Wort kommen, der das Abkommen als "Kapitulation" bezeichnet. Laut ihm wisse die EU-Kommission, dass sie gewonnen habe.

"Weit hinter dem sonnenbeschienenen Hochland"

Auch die Times übt Kritik an dem von May ausgehandelten Deal. So behauptet May, dass sie das "bestmögliche Verhandlungsergebnis" ausgehandelt habe und damit den "nationalen Interessen" diene. Laut der Times "steht es außer Zweifel, dass der Deal weit hinter dem sonnenbeschienenen Hochland zurückbleibt, das den Wählern beim EU-Referendum versprochen worden war, und auch hinter dem, was sie selbst einst zugesagt hatte".

"Ein gespaltenes Kabinett, eine gespaltene Partei, ein gespaltenes Land" titelt der linksliberale Guardian und fokussiert sich auf die Abstimmung im Parlament. Hier braucht May die Unterstützung ihres Kabinetts, um die Abgeordneten überzeugen zu können, für ihre Brexit-Pläne zu stimmen. Denn die Mehrheiten sind dabei knapp, da die nordirische protestantische Partei DUP dem vorliegenden Entwurf bereits ihre Unterstützung entsagt hat.

"Größtes Problem für May liegt nicht in Brüssel, sondern in London"

Auch in den europäischen Medien wurde Mays Brexit-Abkommen diskutiert. So sieht die belgische Zeitung De Tijd eine wichtige Etappe im Brexit-Prozess geschafft: "Noch sind wir nicht am Ziel. Aber die Ereignisse dieser Woche in London sind seit Juni 2016 die beste Nachricht für einen geordneten und möglichst reibungslosen Brexit. (…)  Wir (sind) von dem endlosen, nichtssagenden Mantra eines 'brexit means brexit' zu einem Text von 585 Seiten übergegangen, der von der Europäischen Kommission und der britischen Regierung unterstützt wird."

Andere Medien äußern sich zurückhaltender zum Verhandlungsergebnis. Viele weisen auf den geringen politischen Rückhalt hin, den Mays Abkommen hat. "Theresa May läuft Gefahr, noch mehr Minister gehen zu sehen, und selbst wenn ihre Regierung diesen Kampf überlebt, wartet eine äußerst unsichere Abstimmung im britischen Parlament im Dezember. Hier kann das Brexit-Abkommen von einem widrigen Bündnis abgelehnt werden", schreibt etwa das liberal-konservative Blatt Berlingske aus Kopenhagen.

"Einmal mehr zeigt sich, dass das größte Problem für Theresa May nicht in Brüssel, sondern in London liegt", schreibt die Neue Zürcher Zeitung. Laut dem Autor haben die eigentlichen Verhandlungen dabei gerade erst begonnen, denn es ist "weiter ungewiss, wie das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU nach dem Brexit aussehen wird".

Der Wiener Standard sieht im Brexit-Deal "eine jener Interimslösungen, die zur Permanenz neigen". Doch der Verbleib in der Zollunion wäre für Großbritannien gut, da die Grenze zu Nordirland weiterhin offen bleibe und auch die Wirtschaft keinen zusätzlichen Schaden erleiden würde. Die Entscheidung liegt laut dem Standard jetzt in der Hand der anderen EU-Länder: Wollen sie den vorliegenden Entwurf unterstützen und Großbritannien damit weiterhin eng an die EU binden, oder wollen sie die nationalistischen Kräfte bei Mays Tories weiter stärken, indem sie weitere Kompromisse verlangen?