Die Londoner Polizei hat Ermittlungen wegen möglicher "antisemitischer Hassverbrechen" in der Labour-Partei aufgenommen. Das teilte Scotland Yard mit. Anlass ist ein Dossier mit parteiinternen Dokumenten, das einem Radiosender zugespielt worden war.

Die Mappe sei der Polizeichefin Cressida Dick im September nach einem Radiointerview überreicht worden, teilte Scotland Yard laut britischen Medien mit. Spezialisten hätten daraufhin die Inhalte untersucht. In den Dokumenten seien Äußerungen enthalten, die strafrechtliche Ermittlungen rechtfertigten. Bei der Untersuchung geht es offenbar um Hassbotschaften, die von Mitgliedern der Oppositionspartei in sozialen Netzwerken gepostet worden waren.

Die linksgerichtete Partei kündigte eine vollständige Zusammenarbeit mit den Ermittlern an. Sie rief Opfer der Hassbotschaften auf, sich bei der Polizei zu melden. Labour werde selber untersuchen, ob Verstöße gegen Parteirichtlinien durch ihre Mitglieder vorlägen.

Parteichef Corbyn in der Kritik

Labour hatte in den vergangenen Monaten heftig über Antisemitismus in den eigenen Reihen debattiert. Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Gemeinden in Großbritannien hatten Parteichef Jeremy Corbyn im Frühjahr vorgeworfen, Antisemiten in der Partei zu tolerieren. Corbyn ergreife "immer wieder" Partei für antisemitische Positionen.

Im Juli bezeichneten die drei größten jüdischen Zeitungen Großbritanniens Corbyn in einer gemeinsamen Kampagne gar als "existenzielle Bedrohung für jüdisches Leben im Vereinigten Königreich". Corbyn wies die Kritik zurück, räumte im August aber ein, dass es ein "echtes Problem" mit Antisemitismus in seiner Partei gebe und die Partei Disziplinierungsverfahren zu langsam angehe. Corbyn zählt zum Links-außen-Flügel der Partei und hat sich wiederholt propalästinensisch positioniert.

Hintergrund war unter anderem ein Streit über die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Die Labour-Führung wollte diese zunächst nicht komplett übernehmen – als Begründung hieß es, dies mache sonst eine legitime Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinenserinnen und Palästinensern unmöglich. Erst nach heftiger Kritik schwenkte Labour um und übernahm die Antisemitismusdefinition vollständig.