In der syrischen Stadt Aleppo hat es am Samstag offenbar einen Giftgasangriff gegeben. Die syrische Nachrichtenagentur berief sich auf Krankenhausinformationen und sprach von 107 Verletzten, die unter teilweise schweren Atemproblemen litten. Auch das in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungszentrum für Menschenrechte berichtete, nach dem Einschlag von Granaten habe Gasgeruch über Aleppo gelegen. Die oppositionelle Beobachtungsstelle bezieht ihre Informationen von einem Netzwerk aus Ärzten und Aktivisten in Syrien. Die Angaben sind meist nicht unabhängig überprüfbar.

Syrische Staatsmedien berichteten, dass 94 Menschen in Krankenhäuser gebracht wurden. Nachdem drei Gebiete in der Stadt von mit Gas gefüllten Geschossen getroffen worden seien, hätten die Menschen über Atemprobleme, entzündete Augen und Zittern geklagt, sagte Zaher Batal, Vorsitzender des Ärzteverbands Aleppo der Nachrichtenagentur Reuters. Der Großteil der Verletzten sei inzwischen wieder entlassen.

Die syrische Regierung machte Rebellen für den Angriff verantwortlich. Ein Kommandeur der Rebellen, der einst selbst am Chemiewaffenprogramm der Regierung mitgearbeitet hatte, wies den Vorwurf zurück. Die Regierung lüge, sagte er, die Aufständischen verfügten weder über Giftgas noch über die Mittel, es einzusetzen. Am Sonntag teilte das russische Verteidigungsministerium mit, die Granaten hätten Chlorgas enthalten und stammten aus der Pufferzone der benachbarten Provinz Idlib, die anders als große Teile noch nicht wieder von der syrischen Regierung kontrolliert wird.

Nicht der erste Einsatz von Giftgas in Syrien

Am Sonntag flogen russische Kampfflugzeuge Luftangriffe auf Rebellengebiete westlich von Aleppo, wie das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte. Nach Angaben der Beobachtungsstelle handelte es sich um die ersten Angriffe in der Pufferzone in Idlib seit September. Erst Ende Oktober hatten sich verschiedene Staatschefs, darunter Wladimir Putin, Angela Merkel und Recep Tayyip Erdoğan, auf dem Syriengipfel für einen "nachhaltigen dauerhaften Waffenstillstand" ausgesprochen. Kommende Woche, am 28. und 29. November, wollen Russland, die Türkei und der Iran im kasachischen Astana erneut über eine Beilegung des Konflikts in Syrien beraten.  

Im syrischen Bürgerkrieg wurde bereits mehrfach Giftgas eingesetzt, obwohl Giftgase nach der Chemiewaffenkonvention, die 1997 in Kraft trat, verboten sind. Und obwohl die syrische Regierung die Giftgasvorräte, die sie gegenüber der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) zu besitzen angegeben hatte, bereits 2016 vernichtet hat. Am 7. April diesen Jahres waren in Duma im damaligen Rebellengebiet Ostghuta bei Damaskus mehr als 40 Menschen mutmaßlich durch Gas getötet und Hunderte verletzt worden. Der Westen machte die syrische Regierung für den Angriff verantwortlich, Syrien und sein Verbündeter Russland wiesen den Vorwurf zurück.

Sarin, Senfgas, Chlorgas

Im vergangenen Jahr kam es in Chan Scheichun zu einem Giftgasanschlag, bei dem 87 Menschen starben, darunter 31 Kinder. Laut der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) handelte es sich bei dem in Chan Scheichun eingesetzten Gas um das Nervengift Sarin. Ein anderer Bericht der OPCW und den Vereinten Nationen aus dem Jahre 2016 legt zudem nahe, dass das syrische Regime in der umkämpften Provinz Idlib auch Chlorgas benutzt habe. Außerdem sei die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) in der Lage, Senfgas herzustellen und anzuwenden, hieß es in dem Bericht.

Während es sich bei Sarin um ein weitgehend geruchloses Gas handelt, zeichnet Senf- und Chlorgas ein intensiver beißender Geruch aus. Sarin wird über die Lunge und die Haut aufgenommen, wirkt direkt auf die Übertragung von Reizen des Nervensystems und führt zu tödlichen Erregungszuständen. Senf- und Chlorgas hingegen führen zu Verätzungen von Haut und Lungen.