Mitte September hatten sich Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan darauf geeinigt, in der nordsyrischen Provinz Idlib eine entmilitarisierte Pufferzone zu schaffen. Dadurch sollte eine Offensive der syrischen Armee auf das letzte große Rebellengebiet verhindert werden. Der Termin dafür war der 15. Oktober, doch die Islamistengruppe Hajat Tahrir al-Scham ließ die Frist für einen Abzug verstreichen, die Waffenruhe bleibt fragil.

Die Kinderärztin Nour, die wir aus Sicherheitsgründen nur mit ihrem Vornamen nennen, wurde in Hama geboren und hat in Aleppo Medizin studiert. Sie lebt seit 2017 in der Türkei, fährt aber jede Woche mehrmals über die Grenze nach Syrien, wo sie in einem Krankenhaus arbeitet. Sie gehört zu der Hilfsorganisation Syrian American Medical Society (Sams) und ist eine der letzten verbliebenen Ärztinnen in Nordsyrien. Derzeit besucht sie gemeinsam mit Kollegen europäische Städte, um Politikern und Journalisten über die Lage in ihrer Heimat zu berichten. Wir haben sie in Berlin zum Interview getroffen.

ZEIT ONLINE: In Deutschland diskutieren einige Politiker, straffällige Flüchtlinge wieder nach Syrien abzuschieben. Wäre das aus Ihrer Sicht momentan denkbar?

Nour: Nein, das wäre fahrlässig. Es gibt in Syrien keinen Frieden, nirgendwo. In den Rebellengebieten wird gekämpft, auch gibt es Granatenangriffe seitens des Regimes, vielleicht auch erneute Bombenangriffe. Auch in den Regimegebieten ist es nicht sicher: Präsident Baschar al-Assad lässt Kritiker systematisch verhaften. Ohne klare und transparente Sicherheitsgarantien fürchten viele Syrer die Rache des Regimes. Eine Rückkehr ist nur möglich, wenn dabei die internationalen Standards unter Aufsicht des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR eingehalten werden.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten in einem Kinderkrankenhaus in der Stadt Atareb im Umland von Aleppo. Wie sieht es dort aus?

Nour: Atareb liegt eigentlich in einer der Deeskalationszonen, die von Russland, dem Iran und der Türkei vereinbart wurden. Trotzdem hat das Regime den Ort immer wieder bombardiert, die Zerstörung sieht man überall. Das Krankenhaus, in dem ich arbeite, war wegen eines Bombenangriffs schwer beschädigt. Es hat lange gedauert, bis wir es so repariert hatten, dass wir wieder darin arbeiten konnten.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Sicherheitslage?

Nour: Es ist nicht stabil. Immer wieder schlagen Granaten ein. Vor zwei Wochen traf eine Granate in einem Nachbarort eine Apotheke, offenbar sollte sie gezielt zerstört werden. Der Apotheker und zehn weitere Menschen wurden getötet. Trotz der vereinbarten Waffenruhe greift das Regime immer wieder an. Wir sehen es, denn wir behandeln die Opfer dieser Attacken.

ZEIT ONLINE: Seit Jahren greifen die syrische und russische Luftwaffe gezielt Krankenhäuser an. Trotzdem haben die Vereinten Nationen die Koordinaten der Krankenhäuser in Idlib an die syrische und russische Regierung übermittelt. Wie sehen Sie das?

Nour: Das war unsere Idee. Wir hatten uns dazu entschlossen, nachdem das Regime in Ostghuta pausenlos Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen bombardiert hatte. Die Standorte der Krankenhäuser sind ohnehin bekannt, das Regime hat sie ja einst gebaut. Wir wollten damit erreichen, dass die syrische und russische Regierung dann nicht mehr behaupten können, sie hätten nicht gewusst, dass dort Krankenhäuser sind, und die Verantwortung für die Angriffe übernehmen. Doch das hat nicht funktioniert. Seit wir die Koordinaten herausgegeben haben, sind fünf Krankenhäuser bombardiert worden, eines davon direkt am nächsten Tag. Leider hat es keine starke Reaktion durch die Vereinten Nationen gegeben.

ZEIT ONLINE: Wie geht das syrische Regime derzeit in Idlib vor?

Nour: Mein Mann ist Chirurg und arbeitet in einem Krankenhaus im Nordwesten von Idlib, nahe der türkischen Grenze. Es gibt dort derzeit keine Bombardierungen, aber Kämpfe zwischen den Rebellengruppen. Mein Mann sagt: Die Menschen fürchten sich vor den Attacken des Regimes. Sie machen keine Pläne für die Zukunft. Sie leben von einem Tag auf den anderen.

ZEIT ONLINE: Ist ihre Sorge begründet?

Nour: Auf jeden Fall. Ein Cousin von Assad kontrolliert das staatliche Telekommunikationsnetz, das Regime kann also an die Syrer, die eine syrische Sim-Karte haben, Textnachrichten schicken. Das ist schon immer Teil ihrer psychologischen Kriegsführung gewesen. Nur wenige Tage nach Vereinbarung der Waffenruhe hat das Regime eine Nachricht an die Menschen in Idlib geschickt: "Wir werden Idlib einnehmen und euch Terroristen alle umbringen." Assad hat das Land in Trümmer gebombt, um an der Macht zu bleiben. Er wird nicht aufhören, bevor er nicht ganz Syrien wieder unter seine Kontrolle gebracht hat.

ZEIT ONLINE: In Idlib leben mehr als drei Millionen Menschen, viele von ihnen sind aus anderen Regionen dorthin geflüchtet. Bei einer Eskalation der Kampfhandlungen wären sie gefangen, denn in andere Landesteile können sie nicht mehr fliehen.

Nour: Das stimmt. Die Grenze zur Türkei ist zu. In die Regimegebiete können sie nicht, denn für Assad ist jeder, der in einem Rebellengebiet gelebt hat, ein Terrorist und auf Listen vermerkt. Auch Zivilisten, die für niemanden gekämpft haben: Ärzte, Bäcker, Lehrer. Wenn sie ins Regimegebiet zurückgehen würden, würde das Regime sie in Foltergefängnisse stecken.

Bei einer erneuten Bombardierung gäbe es eine Katastrophe. Schon jetzt ist die Lage für die Menschen dort sehr schlecht, vor allem nahe der Grenze, wo die meisten sind. Die Lager sind überfüllt. Viele Familien schlafen in selbst gebauten Zelten auf der Straße oder in Häuserruinen. Wenn es regnet, schlafen sie im Matsch. Bald wird es zu kalt für sie sein.

ZEIT ONLINE: Mehr als die Hälfte von Idlib wird von Hajat Tahrir al-Scham kontrolliert, einer Allianz, die angeführt wird von dem einstigen syrischen Al-Kaida-Ableger. Der Rest wird von rivalisierenden Rebellengruppen kontrolliert. Es gibt Berichte über Gewalt und Gesetzlosigkeit.

Nour: Die Berichte stimmen, viele Menschen fürchten die Rebellen. In Atareb bekommt man von ihnen nicht viel mit. Der Ort ist nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Atareb ist bekannt für seinen zivilen Widerstand, sowohl gegen das Assad-Regime als auch gegen islamistische Gruppen. Die Bewohner haben einst den "Islamischen Staat" (IS), dann Al-Nusra-Kämpfer friedlich aus der Stadt verbannen können. Als die Kämpfer von Hajat Tahrir al-Scham vor ein paar Monaten die Kontrolle über Atareb übernehmen wollten, haben sich die Bewohner ihnen geschlossen entgegengestellt. Viele Syrer lehnen die Islamisten ab, auch wenn Assad etwas anderes behauptet. In der Klinik fragen wir die Kinder aber nicht, ob ihre Eltern die Rebellen unterstützen, wir behandeln alle Kinder gleich.