So lautstark ging es im britischen Parlament schon lange nicht mehr zu: Unter Getöse hat Theresa May den Brexit-Vertrag am Donnerstag gegen die Angriffe fast aller Abgeordneter verteidigt. Es hagelte Vorwürfe. Aufrufe zum Rücktritt. Beleidigungen, sie habe sich nicht um die Belange Irlands gekümmert. Druck, eine zweite Volksabstimmung zuzulassen. Drohungen ihrer Widersacher, ein Misstrauensvotum einzuleiten – das nun auch tatsächlich angestrebt wird.

Drei Stunden stand die britische Premierministerin im Unterhaus und konterte, argumentierte, zitierte die Abmachungen aus dem Austrittsvertrag mit der EU, erklärte die Notlösungen für eine offene irische Grenze. Mit Haltung, mit Härte, mit Sturheit – und mit Glauben. May zieht in voller Überzeugung das durch, was nach ihrer Meinung unter den gegebenen Umständen im Interesse des Königsreichs und der Bevölkerung steht. Dabei ist sie viel weniger auf politische Machtdemonstrationen und Profilierung angewiesen als viele ihrer Widersacher. Selten aber stand sie so allein da.

Bereits am Dienstagabend wusste May, was sie erwarten würde. Schon die Aufgabe, ihr Kabinett von dem Vertragsentwurf zu überzeugen, war undankbar. Elf der 29 Kabinettsmitglieder wetterten gegen den Vertrag, pickten sich die Schwachstellen heraus, die auch May nicht leugnen konnte: die extrem enge Anbindung an die EU und die Abhängigkeit von Brüssel, sich daraus befreien zu können. Das Risiko, sich dauerhaft nach EU-Vorschriften richten zu müssen. Das alles ohne jegliche Stimme in der EU. So hatten es die Briten nicht gewollt. Sie hatten nicht für eine Variante des Norwegen-Modells gestimmt. 

Die unerfüllbare Fantasie der Brexiteers

Als May am Dienstagabend vor die Fernsehkameras trat und verkündete, das Kabinett stütze ihren Plan, wusste sie bereits, dass dies nicht stimmte. Am Donnerstagmorgen reagierten mehrere Minister mit Rücktritten. Sogar Brexit-Minister Dominic Raab gab auf. Sein Vorgänger David Davis war bereits im Herbst zurückgetreten. Sie alle haben letztlich erkennen müssen, dass sich die Fantasie eines harten Brexit mit den Vorteilen einer engen Anbindung an die EU nicht kombinieren lässt. Das aber wollen sie öffentlich nicht eingestehen. Sie werfen lieber hin, warten auf eine neue Chance.

Und der Tag wurde für May nicht leichter. Es folgte die Abrechnung im Parlament, in der ihr Verbitterung, Wut und Drohungen entgegenschlugen. All das galt zwar May und dem Vertragsentwurf, wurde letztlich aber auch dadurch ausgelöst, dass sich die Brexit-Anhänger schlicht verschätzt haben: All das Gerede, dass sich die restlichen EU-Mitgliedsländer zerstreiten und Großbritannien daraus Verhandlungsvorteile ziehen würde, war falsch. Der Vertragsentwurf zeigt, wie erfolgreich die EU ihre Interessen durchsetzen konnte – und wie sehr Großbritannien dieser Linie folgen musste.

Zugleich war die gereizte Stimmung im Parlament für Mays Widersacher der ideale Anlass, sie hart zu attackieren. Noch während die Premierministerin am Donnerstagmittag die Fragen im Unterhaus beantwortete, gaben die Befürworter eines harten Brexit ihre Briefe für ein Misstrauensvotum ab. Dieses Mal auch der Vorsitzende der Hardliner von der European Research Group (ERG), Jacob Rees-Mogg. Seit der Brexit-Abstimmung versucht er, Theresa May zu einem bedingungslosen Austritt aus der EU zu bringen, ohne jemals zu sagen, wie das Problem der irischen Grenze gelöst werden könnte. Vor dem Parlament verkündete er, dass der nun ausgehandelte Vertragsentwurf "kein Brexit" sei. "Das wird nicht funktionieren." Und: "Nein, es geht nicht um mich. Ich werfe meinen Hut nicht in den Ring."