Wie denken Donald Trumps Wähler und Wählerinnen? Warum würden ihn viele wiederwählen? Das soeben erschienene Buch "Trumps Amerika. Reise in ein weißes Land" (Reclam-Verlag, Stuttgart, 158 Seiten, € 12,95) gibt Antworten. Der Autor Martin Klingst, Politischer Korrespondent der ZEIT im Berliner Hauptstadtbüro, war von 2007 bis 2014 USA-Korrespondent und traf viele Trump-Wähler. Acht von ihnen stellt er in seinem Buch vor: etwa die Bäuerin Kay Bartels aus dem nördlichen US-Bundesstaat Wisconsin. Dieser Text ist ein gekürzter und leicht geänderter Auszug.

Dick und Kay Bartels aus dem Richland County im US-Bundesstaat Wisconsin sind Farmer. Oder besser gesagt: Sie waren Farmer, denn seit einigen Jahren sind sie im Ruhestand. Dick Bartels ist 72, seine Ehefrau Kay 69 Jahre alt. Die Bartels kommen gut zurecht mit ihrer Rente und dem Geld, das ihnen die Verpachtung der Felder einbringt. Ihr Vieh haben sie schon vor langer Zeit verkauft.

Dick Bartels, ein kräftiger, bärtiger Mann, arbeitete 42 Jahre lang als Käsemacher in einer großen Molkerei. Sein regelmäßiges Einkommen sorgte dafür, dass immer genug Geld in der Haushaltskasse war. Derweil bewirtschaftete Kay den Hof, eine stämmige Frau mit dichtem schwarzem Haar und einem gewinnenden Lachen. Die Bartels haben vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne.

Das ebenerdige Farmhaus, der große Schuppen und die ochsenblutrot gestrichene Scheune der Bartels stehen in einem kleinen Tal, umsäumt von grünen Hügeln, reißenden Bächen und Wäldern voller Eichen- und Ahornbäume. Eine Landschaft wie gemalt. Kay Bartels sagt, sie freue sich jeden Morgen aufs Neue über "diesen schönsten Platz auf Gottes Erde", um nichts in der Welt würde sie tauschen wollen.

Dabei hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren so viel um sie herum verändert, nicht nur zur Freude der Bartels. Immer mehr Bauern ziehen fort, weil ihnen der Ertrag zu gering geworden ist oder ihre Kinder den Hof nicht übernehmen wollen. Zwischen die Hügel passen keine großen Felder. Die meisten Farmer halten darum Kühe und bauen lediglich ein bisschen Getreide an. Wisconsin ist Amerikas Molkerei.

"Nicht ich habe die Demokraten verlassen, sondern die Demokraten mich"
Kay Bartels, Wisconsin

Was man in diesem entlegenen Landstrich nicht vermuten würde: Die Bewohner von Richland County haben nach der Wahl von Donald Trump die Neugier von Wahlforschern, Soziologen und Journalisten geweckt. Selbst aus dem Ausland reisten einige an. Denn das Richland County ist einer von 19 Wahlkreisen in ganz Amerika, die seit 1980 jedes Mal verlässlich für den Sieger der Präsidentschaftswahl gestimmt haben. Wie die sich in dieser Hügelwelt windenden Straßen schlagen auch die Bewohner mal die eine, mal die andere Richtung ein, wählen mal links, mal rechts. Kay Bartels zum Beispiel hat 2008 ihr Kreuz bei Barack Obama gemacht, 2012 warf sie einen leeren Zettel in die Urne, 2016 gab sie Donald Trump ihre Stimme. Und sie würde ihn wiederwählen.

Als ehemalige Obama-Wählerin, als Frau ist sie für Trump? Ausgerechnet für den Kandidaten, der einmal damit prahlte, dass er, wenn er wolle, jeder Frau zwischen die Beine fassen könne? Für Kay Bartels ist das eine dumme, unverständliche Frage. Millionen von Frauen hätten für Trump gestimmt, Millionen von Frauen hätten 1992 und 1996 auch für den Schwerenöter Bill Clinton gestimmt. Oder 1960 für den notorischen Ehebrecher John F. Kennedy. Doch bei der Person von Donald Trump würden diese Tatsachen unter den Tisch fallen. Stattdessen hätten sich die Bilder vom Tag nach seiner Amtseinführung verfestigt, als Hunderttausende von demonstrierenden Frauen in Washington und in anderen Städten skandierten: "Not my president!" "Er ist aber mein Präsident", sagt Kay Bartels, "und der Präsident von Millionen anderen Frauen auch."

Zwar stimmte im November 2016 die Mehrheit aller Amerikanerinnen für Hillary Clinton, doch 53 Prozent der weißen Wählerinnen gaben Trump den Vorzug – und jene weißen Frauen ohne einen Collegeabschluss, zu denen auch Kay Bartels zählt, sogar zu 62 Prozent.

Für Clinton sind wir unwichtig

"Eigentlich habe ich bis vor fünf, sechs Jahren mein Wahlkreuz meist bei den Demokraten gemacht", sagt Kay Bartels. "So bin ich aufgewachsen, sie waren die Partei der bodenständigen, hart arbeitenden Menschen, der Familien. Jetzt heißt es auf einmal, wir Arbeiter und Bauern aus dem Mittleren Westen hätten der Partei den Rücken gekehrt. Aber es ist genau umgekehrt: Die Demokraten haben uns verlassen. Sie interessieren sich nur noch für die hippen Menschen an den Küsten und in den großen Städten.

Nichts gegen Kalifornien, da ist es sehr schön. Ich habe nach meiner Schulzeit selber mal in Santa Monica in einem Büro gearbeitet. Das Wetter, die Strände, wunderbar! Doch der Alltag war sehr hektisch, ständig stand ich mit dem Auto im Stau. Nach ein paar Jahren bekam ich furchtbares Heimweh und bin nach Wisconsin zurückgekehrt. Keine Erdbeben mehr, keine Waldbrände, keine Erdrutsche nach heftigen Regenfällen! Und hier im Mittleren Westen zählen noch Werte, die an Orten wie Kalifornien längst verlorengegangen sind: die Familie, die Religion, der gesunde Menschenverstand.

Barack Obama hat sich noch für uns blue collar workers, uns 'kleine Leute' interessiert, er kam im Wahlkampf nach Wisconsin. Hillary Clinton fand das nicht mehr nötig. Sie dachte wohl, sie hätte die Wähler von Wisconsin bereits im Sack und müsste nicht um sie werben. Für Demokraten wie Clinton sind wir rednecks, ungebildetes Landvolk, das man getrost vergessen kann. Donald Trump aber war alles andere als hochnäsig. Er war mehrmals hier und hat bis zu sechs Stopps am Tag eingelegt, um mit so vielen Leuten wie möglich zu sprechen.

Trump ist mir als Typ nicht besonders sympathisch, keiner, mit dem ich gerne auf dem Sofa sitzen und ein Bier trinken würde. Er hat auch schlecht über Frauen gesprochen. Was an der angeblichen Liebesnacht mit diesem Pornostar dran ist, weiß ich nicht. Aber als Christin sage ich, alle Menschen sind Sünder. Jedenfalls gefällt mir, dass Trump geradeheraus und unverschnörkelt redet, so wie es schon ewig kein Politiker mehr getan hat. Er sagt, was er denkt, und tut, was er sagt – so wie der Menschenschlag hier.