Die türkischen Sicherheitskräfte haben zahlreiche Personen festgenommen, denen vorgeworfen wird, die Regierung stürzen zu wollen. In einer groß angelegten Durchsuchung in Istanbul und drei weiteren Provinzen gingen Beamte der Abteilung für organisiertes Verbrechen am frühen Morgen zunächst gegen prominente Akademiker und Mitglieder der Zivilgesellschaft vor. Die Operation richtete sich gegen 20 Personen aus dem Umfeld des Vorsitzenden des Kulturinstituts Anadolu Kültür, Osman Kavala, wie die Nachrichtenagentur DHA berichtete.

Das Institut arbeitet auch mit dem deutschen Goethe-Institut in Istanbul zusammen und möchte nach eigener Darstellung durch Kultur Frieden und die Rechte von Minderheiten fördern. 13 der 20 Personen seien nach den Razzien festgenommen worden. Drei davon sind laut Medienberichten am späten Abend wieder freigelassen, aber mit einer Ausreisesperre belegt worden. Sprecher der EU bezeichneten die Festnahmen der Akademiker und Aktivistinnen als alarmierend.

Kavala, ein renommierter Geschäftsmann und Intellektueller, war schon vor mehr als einem Jahr festgenommen worden. Seitdem sitzt er ohne Anklageschrift in Untersuchungshaft. Laut Kavalas Anwälten werde diesem vorgeworfen, in Verbindung mit Ausländern gestanden zu haben, die mit dem Putschversuch vom Juli 2016 in Ankara zu tun hatten.

Zudem werde er im Zusammenhang mit den regierungskritischen Gezi-Park-Protesten im Jahr 2013 beschuldigt, einen Regierungsumsturz forciert zu haben. Gemeinsam mit den 20 anderen Verdächtigen habe er unter anderem die Gezi-Demonstrationen auszuweiten versucht, berichtete die Zeitung Cumhuriyet unter Berufung auf die Istanbuler Polizei. So hätten sie zum Beispiel "Ausbilder" und "Aktivisten" für die Proteste aus dem Ausland in die Türkei gebracht.

Mehr als 200.000 Menschen seit dem Putsch festgenommen

Gleichzeitig mit den Razzien wurden 14 angebliche Mitglieder der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen in Istanbul wegen "Terrorfinanzierung" festgenommen. Die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan macht Gülen für den Putschversuch von 2016 verantwortlich.

In der westtürkischen Stadt Izmir gingen Sicherheitskräfte laut DHA unterdessen auch gegen Kleinhändler vor, die der Gülen-Bewegung angehören sollen, und nahmen 17 Menschen fest. Gleichzeitig begann die Staatsanwaltschaft in Ankara, im Zuge einer weiteren großangelegten Anti-Gülen-Operation, nach insgesamt 188 Menschen aus 26 Provinzen zu fahnden. Unter ihnen seien 100 Mitglieder der türkischen Luftwaffe und 88 Imame. Einige der Gesuchten seien bereits in Haft.

Innenminister Süleyman Soylu hatte erst am Donnerstag im Parlament neue Zahlen zu den umfassenden Fahndungsaktivitäten gegen angebliche Gülenisten und Terroristen vorgestellt, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu. Seit dem Putschversuch hat die Türkei demnach wegen angeblicher Verbindungen zu den Putschisten fast 218.000 Menschen festnehmen lassen. 16.684 der Betroffenen wurden demnach bereits verurteilt. 14.750 befänden sich weiter in Untersuchungshaft.