Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat Russland vorgeworfen, außergewöhnlich viele Truppen an die Grenze zu verlegen. Die russische Armee habe die Zahl der Panzer verdreifacht, sagte Poroschenko im ukrainischen Fernsehen. Das sei laut Geheimdienstinformationen "entlang der vollen Länge unserer Grenze" zu beobachten. Auch die Zahl der stationierten Einheiten sei "dramatisch gestiegen". Poroschenkos Einschätzung nach drohe der Ukraine "ein großangelegter Krieg mit der Russischen Föderation".

Das ukrainische Parlament hatte am Montag beschlossen, ein 30-tägiges Kriegsrecht in Teilen des Landes zu verhängen. Es soll am Mittwoch in Kraft treten. Die jüngste Krise zwischen Russland und der Ukraine hatte am Sonntag mit einer Marine-Konfrontation im Schwarzen Meer begonnen. Russische Streitkräfte hatten vor der Halbinsel Krim drei ukrainische Marineschiffe beschossen. Mehrere ukrainische Marinesoldaten wurden dabei verletzt, insgesamt 24 Besatzungsmitglieder wurden festgenommen. Russland wirft den Ukrainern seinerseits eine Grenzverletzung und "Provokation" vor. Präsident Wladimir Putin äußerte sich besorgt über die Verkündung des Kriegsrechts in der Ukraine und warnte Kiew vor weiteren "unüberlegten Handlungen".

Trotz internationaler Appelle zu ihrer Freilassung ordneten die russischen Richter an, zwölf der ukrainischen Marinesoldaten für zwei Monate in Untersuchungshaft zu nehmen. Auch gegen drei verletzte Seeleute, die noch im Krankenhaus behandelt werden, wurde U-Haft verhängt. Das Schicksal der übrigen Soldaten entscheidet sich am Mittwoch. Die ukrainische Regierung und ihre westlichen Verbündeten hatten an Russland appelliert, alle festgenommenen Marinesoldaten umgehend freizulassen. Der Anwalt Aider Asamatow, der einen der Soldaten vertritt, nannte die Entscheidung des Gerichts "unbegründet und unrechtmäßig". Er werde Berufung einlegen.

Das russische Staatsfernsehen hatte zuvor Filmaufnahmen der Verhöre einiger ukrainischer Soldaten durch die russischen Sicherheitsdienste ausgestrahlt. Darin ist zu hören, wie einer der Befragten einen "provokativen Charakter" des ukrainischen Marineeinsatzes vor der Krim einräumt. Der ukrainische Marinekommandeur Igor Worontschenko wies dies zurück. Er warf Russland vor, die Marinesoldaten unter Druck gesetzt zu haben.

EU hält weitere Sanktionen gegen Russland für möglich

UN-Generalsekretär António Guterres forderte die Konfliktparteien zu "äußerster Zurückhaltung" auf. Es müssten umgehend Maßnahmen zum "Abbau der Spannungen" eingeleitet werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Montagabend mit Wladimir Putin telefoniert und zu "Deeskalation und Dialog" aufgerufen.

Österreich, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne hat, erwägt wegen des Vorfalls auf dem Schwarzen Meer weitere Sanktionen gegen Russland. Allerdings müsse zunächst geklärt werden, was genau am Sonntag vorgefallen sei, sagte die österreichische Außenministerin Karin Kneissl. Derzeit stehe bezüglich der Konfrontation "Aussage gegen Aussage".

Die Beziehungen zwischen den Regierungen in Kiew und Moskau sind seit dem Frühjahr 2014 zerrüttet. Damals hatte Russland die Halbinsel Krim annektiert und soll bis heute auch die prorussischen Kämpfer in der Ostukraine aktiv unterstützen. Die Separatisten kämpfen dort seit 2014 gegen die Regierung in Kiew, mehr als 10.000 Menschen wurden in dem Konflikt bislang getötet.