Der russische Präsident Wladimir Putin hat Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, mäßigend auf seinen Amtskollegen Petro Poroschenko einzuwirken und ihren Einfluss geltend zu machen, um die Regierung in Kiew so von "weiteren unüberlegten Handlungen" abzuhalten. Dies teilte der Kreml nach einem Telefongespräch zwischen Putin und Merkel mit. Demnach schilderte Putin die Situation als "provokative Aktionen" der ukrainischen Seite sowie als "grobe Verletzung internationalen Rechts durch deren Kriegsschiffe" und als "beabsichtigtes Ignorieren der Regeln der friedlichen Passage durch territoriale Gewässer der Russischen Föderation".

Am Wochenende hatte die russische Küstenwache Patrouillenbooten der ukrainischen Marine die Durchfahrt in der Meerenge von Kertsch vor der annektierten Halbinsel Krim verweigert und drei ukrainische Schiffe beschossen und anschließend in ihre Befehlsgewalt gebracht. Der ukrainische Präsident Poroschenko kündigte daraufhin an, dass von Mittwoch an für 30 Tage das Kriegsrecht gelten soll. Das Parlament billigte diese Maßnahme am Abend mit großer Mehrheit.

Untersuchung von Experten beider Länder

Wie Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilte, betonte Merkel in ihrem Telefonat mit Putin "die Notwendigkeit von Deeskalation und Dialog". Beide hätten zudem "die Option einer Analyse des Vorfalls unter Beteiligung russischer und ukrainischer Grenzschutzexperten" erörtert. Sie hätten vereinbart, "hierzu in engem Kontakt zu bleiben". Zuvor hatte Merkel auch mit dem ukrainischen Präsidenten telefoniert.

Die Situation in der Ukraine

von Russland kontrollierte Gebiete

Poroschenko hatte das russische Vorgehen seinerseits als aggressiven militärischen Akt verurteilt und die internationale Gemeinschaft zur Bestrafung Russlands aufgefordert. So weit wollten die Europäische Union (EU), Großbritannien, Frankreich, Polen, Dänemark und Kanada nicht gehen, allerdings brandmarkten sie allesamt die Ereignisse vor der Krim als russische Aggression. Die EU-Kommission nannte das Verhalten Russlands inakzeptabel.  

Straße von Kertsch neuer Schauplatz des Konflikts

Mit den Vorfällen in der Straße von Kertsch eskalierte der jahrelange Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Die Beziehungen zwischen den Regierungen in Kiew und Moskau sind seit dem Frühjahr 2014 zerrüttet, als Russland die Halbinsel Krim annektierte. Zudem soll der Kreml bis heute die prorussischen Kämpfer in der Ostukraine aktiv unterstützen. Die Separatisten kämpfen dort seit 2014 gegen die Regierung in Kiew, mehr als 10.000 Menschen wurden in dem Konflikt bislang getötet.

Die Straße von Kertsch ist dabei sowohl für Moskau als auch für Kiew von großer Bedeutung. Die Meerenge ist die einzige Verbindung zwischen dem Schwarzen Meer und dem nördlich gelegenen Asowschen Meer. Dieses Gewässer nordöstlich der Krim entwickelt sich seit Monaten zu einem weiteren Schauplatz des Konflikts der beiden Nachbarländer. An ihm liegen unter anderem das von prorussischen Separatisten kontrollierte Industriegebiet Donbass und die Hafenstadt Mariupol, die letzte noch von Kiew kontrollierte große Stadt im Osten der Ukraine und ein wichtiger Industriestandort.