Über Twitter fuhren beide Seiten am Wochenende noch einmal schwere rhetorische Geschütze auf. US-Außenminister Mike Pompeo nannte Irans Führung eine Regierung von Missmanagement, Diebstahl und Brutalität. Irans Oberster Revolutionsführer Ali Chamenei schrieb daraufhin, US-Präsident Donald Trump sei eine Schande für die noch verbliebenen Reste des amerikanischen Ansehens.

Vom heutigen Montag an sind nun sämtliche Sanktionen des Weißen Hauses gegen die Islamische Republik wieder in Kraft. Das Embargo soll das Land mit "maximalem Druck" in die Knie zwingen, seine Ölexporte stoppen und seinen Anschluss an das internationale Bankensystem kappen. 700 Firmen, Einzelpersonen, Flugzeuge und Schiffe setzte Washington auf die Boykottliste. Bei einem Hintergrundgespräch in Washington, so berichteten es US-Journalisten, habe Pompeo das neue Strafpaket "als lediglich einen Teil der Anstrengungen der US-Regierung" angepriesen, "das Verhalten von Ajatollah Chomeini zu ändern" – der bekanntlich seit 1989 tot ist.

Als ähnlich undurchdacht empfinden auch die europäischen Unterzeichnerstaaten des Atomvertrags – Deutschland, Frankreich und Großbritannien – das amerikanische Vorgehen. "Wir bedauern zutiefst die erneute Inkraftsetzung von Sanktionen durch die USA", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung zusammen mit der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini. Ein sogenanntes Special Purpose Vehicle soll es Unternehmen der Europäischen Gemeinschaft erlauben, weiter mit Teheran Handel zu treiben, ohne in den amerikanischen Bannstrahl zu geraten. Funktionieren soll das Ganze wie eine Art Tauschbörse. Iranisches Öl wird gegen europäische Güter gehandelt, ohne dass Geld die Seiten wechseln muss.

Iran - Proteste gegen US-Sanktionen In mehreren iranischen Städten demonstrieren Menschen gegen die neuen Maßnahmen der US-Regierung. Einige Iraner sehen die Schuld aber auch bei der eigenen Regierung. © Foto: AP Photo/Vahid Salemi

Die US-Regierung reagierte "verstört und tief enttäuscht". Denn anders als seinem Vorgänger Barack Obama dürfte es Donald Trump erheblich schwerer fallen, die Islamische Republik über längere Zeit politisch und wirtschaftlich zu isolieren. Europa legt sich quer, China und Russland ziehen nicht mit. Saudi-Arabien als wichtigster regionaler Gegenspieler der Islamischen Republik ist nach dem Khashoggi-Mord international angeschlagen. Und weder der Syrienkrieg noch der verheerende Jemenkonflikt werden sich in absehbarer Zeit befrieden lassen, wenn Iran bei den Verhandlungen außen vor bleibt. In der Obama-Zeit habe es die einhellige Schwarz-Weiß-Sicht vom Iran als einzigem bösen Akteur in der Region gegeben, sagt Ellie Geranmayeh, Iran-Spezialistin des European Council on Foreign Relations. Inzwischen habe sich die politische Debatte differenziert und es gebe ein Bewusstsein, "dass jeder im Nahen und Mittleren Osten ein schmutziges Spiel spielt". Das bedeute nicht, der Iran sei jetzt ein Heiliger, aber die Urteile seien nuancierter geworden.

Öltanker verwandeln sich in Geisterschiffe

Gleichzeitig gärt es im Inneren der Islamischen Republik. Wenige Monate vor dem 40. Gründungstag im Februar 2019 ist die Stimmung rebellischer und frustrierter als je zuvor. Seit Jahresbeginn häufen sich Unruhen und Proteste. Sie zehren an der Legitimität der klerikalen Führung, deren Hardliner am Sonntag demonstrativ den 39. Jahrestag der Besetzung der Teheraner US-Botschaft 1979 mit 444 Geiseln feiern ließen. Umso mehr hängt für Teheran davon ab, wie sich die Öleinnahmen unter dem neuen Sanktionsregime tatsächlich entwickeln. Im Frühjahr lagen die Exporte bei rund 2,5 Millionen Barrel pro Tag. Nach der Ankündigung des US-Embargos im Mai gingen sie auf 1,7 Millionen Barrel zurück: ein Verlust, den gestiegene Weltmarktpreise teilweise wieder wettmachten. Washington werde es nicht schaffen, die iranischen Ölausfuhren unter eine Million Barrel pro Tag zu drücken, prahlte dieser Tage Vizepräsident Eshagh Dschahangiri – das Minimum, das sein Land zum wirtschaftlichen Überleben braucht. Und so agiert Iran inzwischen wieder voll im lang erprobten Sanktionsmodus. Sämtliche Öltanker des Landes haben ihre Positionssignale abgeschaltet und sich wieder in Geisterschiffe zurückverwandelt. Andere wurden umgeflaggt, um sich zu tarnen. Zudem hat Russland offenbar angeboten, iranisches und russisches Öl zu vermischen und beides anschließend zusammen zu vermarkten.

Auch Europa kündigte entgegen aller amerikanischen Drohungen an, weiterhin iranisches Öl und Gas abzunehmen. Acht anderen Staaten dagegen – Italien, Griechenland, die Türkei, China, Indien, Japan, Südkorea und Taiwan – gewährte das Weiße Haus offenbar jetzt Ausnahmegenehmigungen, die ihnen noch bis zum Mai 2019 iranische Importe erlauben, wenn auch auf wesentlich niedrigerem Niveau. So stimmte Indien dem Vernehmen nach zu, seine Einfuhren um 40 Prozent von 490.000 auf 290.000 Barrel pro Tag zu reduzieren. Die Liste mit den genauen Quoten will Washington noch bekannt geben.

Das iranische Volk leidet

Im Gegenzug unterstrich Saudi-Arabien am Wochenende noch einmal seine Bereitschaft, die iranische Lücke durch eine höhere Produktion zu schließen, um einem Anstieg der Ölmarktpreise entgegenzuwirken und Lieferengpässe für andere Volkswirtschaften zu vermeiden. Doch niemand weiß, ob sich Mohammed bin Salman, der entschiedenste regionale Mitstreiter Washingtons gegen Teheran, noch lange als Thronfolger halten kann. Denn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan lässt immer weitere gruselige Details zum Fall Khashoggi enthüllen. Parallel dazu deutete er in einem Namensbeitrag für die Washington Post unmissverständlich an, dass er den Kronprinzen für den Drahtzieher dieses politischen Mordes hält – selbst für die hoch entwickelte, nahöstliche Intrigenwelt ein bisher einzigartiger Vorgang.

Trotz der Durchhalteparolen des Regimes sieht Irans Bevölkerung den kommenden Monaten mit Angst und Resignation entgegen. Die Wirtschaftsleistung schrumpft, die Währung verfällt, die Lebensmittelpreise haben sich fast verdoppelt. In ländlichen Regionen sind mehr als 50 Prozent der Menschen arbeitslos. Die meisten ausländischen Firmen, die nach dem Atomvertrag 2015 zurückgekommen waren, wollen das Land wieder verlassen. Viele Iraner teilen die Verachtung für US-Präsident Trump, für die heimische Misere jedoch machen sie vor allem Inkompetenz, Korruption und Vetternwirtschaft der eigenen Führung verantwortlich, eine Stimmung, die Präsident Hassan Ruhani gegen die Hardliner zu nutzen sucht. "Wir alle wissen, dass das Volk leidet und unter Druck steht", räumte er kürzlich in einer Rede ein. Doch man könne jetzt nicht einfach hingehen und sagen, das alles liege am amerikanischen Druck und man selbst könne nichts tun. "Eine solche Antwort ist inakzeptabel."