Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, hat nach dem Betrugsfall beim Spiegel eine unabhängige Untersuchung gefordert. Die Enthüllungen über die gefälschten Texte des Reporters Claas Relotius "bereiten der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika große Sorgen",  teilte der Vertreter von US-Präsident Donald Trump in einer Erklärung mit. Die USA seien betroffen, da es in einigen der gefälschten Berichte um die US-Politik und die amerikanische Bevölkerung gegangen sei.

Grenell habe diese Bedenken auch in einem Brief an die Spiegel-Chefredaktion zum Ausdruck gebracht, teilte die US-Botschaft mit. Er habe auch in diesem Zusammenhang eine unabhängige und transparente Untersuchung der Angelegenheit erbeten.

Nach Informationen der Bild sieht sich die USA laut Grenell als "Opfer einer Kampagne institutioneller Voreingenommenheit". Es sei zu befürchten, "dass die Leitung des Spiegel diese Art der Berichterstattung forciert und dass die Reporter offenkundig das liefern, was die Unternehmensleitung verlangt", zitiert der Bericht weiter aus dem Brief an die Chefredaktion.

In einem Antwortschreiben an Grenell entschuldigte sich der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit, den Vorwurf des Antiamerikanismus wies er aber zurück. "Wir entschuldigen uns bei allen amerikanischen Bürgern, die durch diese Reportagen beleidigt und verunglimpft wurden", schrieb Kurbjuweit. "Uns tut das sehr leid. Das hätte niemals passieren dürfen." Er fügte hinzu: "Wenn wir den amerikanischen Präsidenten kritisieren, ist das nicht Antiamerikanismus, sondern Kritik an der Politik des Mannes im Weißen Haus." Es gebe bei dem Magazin keine institutionelle Voreingenommenheit gegenüber den USA.

Der Spiegel hatte am Mittwoch bekannt gegeben, dass Claas Relotius, der 33-jährige preisgekrönte Redakteur, Reportagen und Interviews ganz oder teilweise systematisch gefälscht hatte. Er habe dabei Charaktere, Zitate und Begebenheiten erfunden oder die Biografien von realen Protagonisten verfälscht. Relotius schrieb für das Nachrichtenmagazin seit 2011 knapp 60 Texte, seinen eigenen Angaben zufolge sind 14 betroffen. Der Spiegel kündigte eine umfassende Aufarbeitung an. Das Ausmaß der Fälschungen sei bisher noch unklar.

Relotius war bekannt für sehr aufwendige Reportagen über besondere Menschen, die zugleich politische und gesellschaftliche Probleme beleuchten. Von den Fälschungen betroffen sind laut Spiegel auch mehrere seiner preisgekrönten Erzählungen, darunter die Reportage Löwenjungen über zwei angeblich von der Dschihadistenmiliz IS entführte irakische Kinder und der Text Nummer 440 über einen vermeintlich im US-Straflager Guantánamo inhaftierten Islamisten. Nach Spiegel-Angaben hat Relotius seinen Vertrag bereits am Montag gekündigt.

Das Nachrichtenmagazin bezeichnete die Vorgänge als Tiefpunkt in seiner 70-jährigen Geschichte. Aufgedeckt wurden die Fälschungen demnach durch einen anderen Mitarbeiter, der mit Relotius gemeinsam eine Geschichte recherchierte und Ungereimtheiten bemerkte. Der Verlag kündigte an, seine Kontrollmechanismen zu überprüfen. Das bisherige System sei "lückenhaft".

Claas Relotius hat in der Zeit von 2010 bis 2012 auch vier Texte für ZEIT ONLINE, einen Artikel für ZEIT WISSEN sowie eine Rezension in unserem Blog Tonträger geschrieben. Die Redaktionen überprüfen derzeit diese Beiträge. Unseren bisherigen Wissensstand dazu finden Sie in unserem Transparenzblog Glashaus.