Eine zweite Möglichkeit, aus der Sackgasse zu finden, wäre die, erneut nach Brüssel zu gehen und einen anderen Deal auszuhandeln. Deswegen ist "Norwegen" gerade zum wichtigsten googlebaren Begriff in Westminster geworden. Ein Modell für eine engere Form der europäischen Zusammenarbeit, das möglicherweise mehr parteiübergreifende Zustimmung erhält. Politisches Kalkül macht diese Option aber ebenso unwahrscheinlich.

Für die rund 60 Brexit-Rebellen in den Reihen der Tories wäre der Vorschlag eines an Norwegen angelehnten Deals (der Fortbestand der Freizügigkeit) den Austrittsbefürwortern in Partei und Wählerschaft sogar noch schlechter zu verkaufen als Mays Deal.  Für die Labour-Partei wäre Norwegen gleichbedeutend damit, einer Tory-Premierministerin, die kurz davor ist, von der eigenen Partei abgesetzt zu werden, eine politische Rettungsleine zuzuwerfen. Die EU scheint ebenfalls nicht bereit zu sein, zu helfen und beispielsweise einen Mittelweg zwischen der norwegischen Lösung und dem jetzt ausgehandelten Deal zu finden.

Die Brexit-Debatte radikalisiert sich

People's Vote hat also eine reelle Chance – nicht, weil ein Referendum für viele Mitglieder des Parlaments attraktiv wäre, sondern weil die zahlreichen Alternativen noch schlimmer sind. Die Mitglieder der Initiative haben inzwischen sogar Hilfe vonseiten des Europäischen Gerichtshofs bekommen, aus dessen Sicht eine Austrittserklärung gemäß Artikel 50 einseitig zurückgenommen werden kann.

Das macht es für Großbritannien weitaus einfacher, den Austrittsprozess zu verzögern oder zu beenden, um in der Folgedie Frage der EU-Mitgliedschaft in einem weiteren Referendum zu klären. Captain Picard kommt der Erfüllung seines Wunsches immer näher.

Die Ironie der Initiative People's Vote liegt darin, dass sie auch noch ein anderes Gespenst hervorbringt. Durch die Dynamik der Initiative für ein zweites Referendum hat eine Radikalisierung der Brexit-Debatte stattgefunden, durch die ihre Gegner von der Position Mays (einem ausgehandelten Austritt) auf die extremere Position eines No-Deal-Brexits gerückt sind.

Selbst die größten Verfechter eines zweiten Referendums haben begonnen, diese neue Spaltung hochzuspielen. Labours Ex-Premier Tony Blair sagte kürzlich in einem Interview, bei einer zweiten Abstimmung sollte den Briten die Wahl zwischen einem Verbleib in der EU und einem No-Deal-Austritt gegeben werden.  Theresa Mays Lösung wäre danach gar keine Option mehr. Dahinter steht das Kalkül, dass die Aussicht auf die No Deal-Variante abschreckend genug ist, um selbst Euroskeptiker für den Verbleib stimmen zu lassen.  

Betrachtet man die jüngere Geschichte britischer Wahlen, so wäre dies für die Europabefürworter ein riskantes Spiel. Viele würden das Risiko aber wohl eingehen. People’s Vote könnte Großbritanniens letzte Chance sein, um der endlosen politischen Seifenoper, die die Brexit-Entscheidung verursacht hat, zu entkommen.