Als Folge aus dem Fall der gefälschten Reportagen von Spiegel-Redakteur Claas Relotius werden Chefredakteur Ullrich Fichtner und der Ressortleiter und designierte Blattmacher Matthias Geyer ihre Verträge ruhen lassen. Das schrieb der künftige Chefredakteur Steffen Klusmann an diesem Freitagabend seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einer E-Mail, die ZEIT ONLINE in Auszügen vorliegt. 

"Der Fall Relotius hat bei einigen die Frage aufgeworfen, ob Ullrich Fichtner als Chefredakteur und Matthias Geyer als Blattmacher nach einem solchen Desaster eigentlich noch tragbar sind", schreibt Klusmann. "Der eine hat Claas Relotius für den SPIEGEL entdeckt, der andere hat ihn fest angestellt und bis zuletzt geführt. So mancher hat mir geraten, das Gesellschaftsressort bei der Gelegenheit gleich ganz aufzulösen."

Dazu würde er gerne ein paar Sätze loswerden, schreibt Klusmann. Das Gesellschaftsressort gehöre für ihn zum Spiegel und schmücke ihn, man könne jedoch über andere Formate nachdenken. "Niemand zwingt uns, dort ausschließlich 5- bis 7-seitige Reportagen zu drucken."

Fall Relotius "zu groß und zu gefährlich"

Fichtner und Geyer hätten ihm beide angeboten, ihre Posten zur Verfügung zu stellen, falls er das für nötig erachte. "Ich finde allerdings, Verantwortung sollte man dann übernehmen, wenn man sich etwas vorzuwerfen hat", schreibt Klusmann. Fichtner habe die Bedenken von Juan Moreno ernst genommen "und er hat in seinem Stück zu dem Fall die Hosen runtergelassen. Auch wenn es unterschiedliche Meinungen über das angemessene Format des Textes gibt – es war ein erster und entscheidender Beitrag zur Aufklärung".

Klusmann wolle den Fall Relotius jedoch nicht leichtfertig abtun, "dafür ist er zu groß und zu gefährlich". Und er sei noch lange nicht ausgestanden. "Ich habe daher mit Matthias und Ullrich verabredet, dass wir ihre neuen Verträge erstmal aussetzen und ruhen lassen, bis die Kommission den Fall abschließend untersucht hat. Solange würde ich zwei erfahrene Kollegen bitten, als Blattmacher beim Heft auszuhelfen, damit nichts anbrennt."

Der 33-jährige Claas Relotius hatte zugegeben, als Spiegel-Redakteur jahrelang Reportagen in Teilen oder im Ganzen erfunden zu haben. Der Fall hat eine Debatte über das Genre der Reportage ausgelöst.

Claas Relotius hat in der Zeit von 2010 bis 2012 auch fünf Beiträge für ZEIT ONLINE sowie einen Artikel für ZEIT WISSEN geschrieben. Die Redaktionen überprüfen derzeit diese Beiträge. Unseren bisherigen Wissensstand dazu finden Sie in unserem Transparenz-Blog Glashaus.