Schwer zu sagen, ob man Theresa May für ihren Durchhaltewillen bewundern muss. Oder ob das Mitleid überwiegt, wenn man verfolgt, wie sie seit Tagen in Europa umherirrt. Von London nach Den Haag, nach Berlin, nach Brüssel, nur um vor jeder Tür dieselbe Nachricht zu hören: Wir geben nichts. Oder genauer: Wir haben Euch schon genug gegeben. Für alle Briten, die es womöglich noch immer nicht verstanden haben, hat die Europäische Union es am Donnerstagabend noch einmal hübsch aufgeschrieben: An dem Abkommen, das den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU regeln soll, gibt es nichts mehr zu rütteln.

Zwischen Berlin und Brüssel hat May daheim noch einen Putschversuch überstanden. Und wenn sie nun wieder zurückkommt nach 10 Downing Street, warten alle jene schon auf sie, die sie stürzen wollen. Tapfer ist sie, keine Frage. Aber Tapferkeit alleine hilft nicht.

Für die britische Premierministerin und ihr Land ist der Brexit zu einem nicht enden wollenden Albtraum geworden. Für die EU hingegen, so viel kann man am Ende dieser wilden Woche festhalten, ist er ein großer Erfolg. Die britische Politik zerfällt in Einzelteile; die EU hingegen ist so geschlossen wie selten zuvor.

Öxit, Frexit, Polexit – alles schien möglich

Das war so nicht zu erwarten. Im Juni 2016, als eine Mehrheit der Briten für den Austritt stimmte, herrschte großer Jammer in Brüssel genauso wie in Berlin. Nicht wenige sahen damals schon das Ende der EU heraufziehen. Öxit, Frexit, Polexit – alles schien möglich. Den Gegnerinnen und Gegnern der EU galt der Brexit als Vorbild. Zweieinhalb Jahre später hat sich die Geschichte in das Gegenteil verkehrt: Aus dem vermeintlichen Modell ist ein abschreckendes Beispiel geworden. Selbst diejenigen unter Europas Regierenden, die die EU verachten, wollen eines nicht: Sie wollen nicht so enden wie Theresa May.

Nun war es nicht May, die Großbritannien planlos in den Brexit geführt hat. Aber sie verantwortet die Verhandlungen mit der EU über den Austritt. Und diese Verhandlungen haben gute Chancen, künftig einen herausgehobenen Platz in den Handbüchern für hohe Staatskunst einzunehmen – als Beispiel dafür, wie man sein Land zielsicher in ein Debakel führt.

Die erste und wichtigste Grundregel in diesem Handbuch lautet: Wer in Verhandlungen Erfolg haben will, muss die Interessen seines Gegenübers kennen. Die britischen Verhandler aber haben bis heute nicht verstanden, worum es beim Brexit für die Europäische Union geht. (Was wiederum die Frage aufwirft, welche Handbücher die weltläufigen Diplomaten des stolzen Königreichs eigentlich gelesen haben, aber das nur am Rande.)