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In einer der Baracken sitzt Asmaa Otur im Schneidersitz auf dem Boden. Wer hierherkommt, hat die belebte Innenstadt von Mafrak längst hinter sich gelassen, die Schawarmaläden, den Markt mit den knallroten Tomaten, die Stände, an denen die Jordanier lila Zuckerwatte und Fleischspieße verkaufen. Die geteerte Straße geht erst in einen staubigen Schotterweg über, dann in einen Sandplatz. "Man kann uns kaum finden", murmelt Otur. Dann lacht sie kurz auf: "Wir sind die Aussätzigen von Mafrak." Seit fast sechs Jahren lebt die syrische Familie hier. "Und wir werden wohl für immer hierbleiben."

Es ist kühl an diesem Dezembermittag. Die Planen, die ein Dach sein sollen, werden von Autoreifen gehalten. Durch die Ritzen zieht es, eine Heizung gibt es nicht. Otur hat Schulhefte und Filzstifte vor sich ausgebreitet, sie macht mit ihren Kindern Hausaufgaben. Acht Kinder hat sie, das jüngste ist fünf, der älteste Sohn 21 Jahre alt. Otur ist Anfang 40, tiefe Stimme und tiefe Augenringe, die Haare sind unter einem dunklen Kopftuch verborgen. "In Homs ging es uns gut", sagt Otur. "Jetzt haben wir nichts mehr."

Asmaa Otur gehört zu den rund 670.000 Syrern, die nach Jordanien geflohen sind. So viele sind es laut den Vereinten Nationen. Die jordanische Regierung spricht indes von 1,3 Millionen, das wäre mehr als ein Zehntel der Bevölkerung. Das Zusammenleben geht nicht ohne Konflikte, aber es muss gehen. Denn für die große Mehrheit der Syrer gibt es, so wie für Familie Otur, keine Aussicht auf Rückkehr.

Wie in einem Gefängnis

Die meisten Syrer leben außerhalb großer Flüchtlingslager, vor allem in den Grenzstädten im Norden. In Orten wie Mafrak. Von hier sind es nur 15 Kilometer zum nächsten Übergang. Einst war Mafrak ein verschlafener Ort im Nirgendwo, umgeben von rötlicher Wüste. Heute leben hier fast 200.000 Menschen, knapp die Hälfte davon sind Syrer. Außer in der Hauptstadt Amman und dem Umland haben sich in keiner anderen Provinz in Jordanien so viele Flüchtlinge niedergelassen wie in Mafrak.

Wenn Asmaa Otur über die Flucht spricht, senkt sie die Stimme. Wie viele hier kam sie mit ihrer Familie aus Homs. Sie waren die Ersten, die vor der Gewalt in ihrem Land flohen: Homs war schon früh einer der zentralen Orte der Opposition gegen Machthaber Baschar al-Assad und Ziel heftiger Angriffe der syrischen Armee. Als die Sicherheitskräfte 2011 auf Demonstranten und Zivilisten schossen, floh Otur mit ihrem Mann und den Kindern in ein Dorf im Umland. Doch die Gefechte wurden schlimmer, und sie wussten: Sie müssen Syrien verlassen.

Sieben Tage brauchten sie bis zur jordanischen Grenze, die zu der Zeit noch offen war. Zuerst waren sie in Saatari, einem der größten Flüchtlingslager in Jordanien, wenige Kilometer von Mafrak entfernt. Doch dort hielten sie es nicht lange aus. Wenn es regnete, lief Wasser in ihr Zelt, wegen der vielen Vorschriften fühlten sie sich wie in einem Gefängnis. Also kamen sie nach Mafrak. Drei Räume hat die Wohnung hier in der Baracke am äußersten Stadtrand, alle sehen ähnlich aus: Ein paar Matratzen liegen auf dem Boden, eine nackte Glühbirne hängt von der Decke, in diesem Raum steht noch ein kleiner Fernseher in der Ecke, darauf zwei Plastikblumen.

Ein gebrochener Mann

In Syrien gehörte die Familie zur Mittelschicht. Oturs Mann besaß einen Supermarkt und verdiente gut, sie lebten in einer weitläufigen Wohnung im Zentrum von Homs. Doch Sicherheitskräfte schossen ihm ins Knie. Bis heute kann er nur unter Schmerzen laufen, arbeiten kann er nicht. Er sei deswegen depressiv geworden, sagt Otur. Meistens liege er im Bett und dämmere vor sich hin. "Er hat es nicht verkraftet, dass er nicht mehr für uns sorgen kann. Er ist ein gebrochener Mann." Ihre Kinder will sie nicht arbeiten schicken. "Sie sollen zur Schule gehen und etwas lernen", sagt Otur. "Sie sollen nicht auf den Feldern schuften, wie so viele syrische Kinder."

Weil sie kaum über die Runden kommen, muss Otur oft Geld von Verwandten leihen, manchmal bekommt sie Coupons von Hilfsorganisationen. Vor ihrem Haus hat sie einen kleinen Garten angelegt, Bohnen und Tomaten wachsen dort, sie teilt sie mit den syrischen Nachbarn in den Baracken nebenan, auch wenn es kaum für sie selbst reicht. "Früher waren wir im Himmel, jetzt sind wir in der Hölle", sagt Asmaa Otur über ihr Leben.