"Jeder sucht sich seine Revolution." Am Tag nach den jüngsten Ausschreitungen in Frankreich zieht auch die französische Presse Bilanz – und wirkt dabei etwas ratlos. Die großen Publikationen wie Le Monde und Le Figaro haben ihre Reporterinnen und Reporter in vielen Städten des Landes losgeschickt, nicht nur in Paris, auch in Lyon, Bordeaux, Toulouse und wieder in Nantes, wo die Proteste besonders heftig ausfallen.

Die Journalisten tragen die Zahlen zusammen: 125.000 Demonstranten im ganzen Land, 1.723 Verhaftungen, davon 1.220 Ingewahrsamnahmen, 264 Verletzte. Aber die genauen Gründe und Ziele der Protestierenden können auch sie nicht so ohne Weiteres auf einen gemeinsamen Nenner bringen.

"Man wählt nicht zwischen dem Ende der Welt und dem Ende des Monats", zitiert die Zeitung Le Monde einen der Slogans der Protestierenden und macht damit deutlich, dass es bei den Protesten nicht nur gegen die Erhöhung der Energiesteuer ging, die Präsident Emmanuel Macron inzwischen zurückgenommen hat. Es ging am gestrigen Samstag gegen die Klimapolitik, gegen die Sozialpolitik. Vor allem: gegen Macron. "Macron démission" war am Samstag auf Plakaten zu lesen: "Macron Rücktritt".

Entsprechend berichtet Le Monde auch mit einem leicht kritischen Unterton, dass "das erneute Ziel der Proteste" sich auch gestern wieder nicht öffentlich geäußert hat. Seit dem 1. Dezember schweigt Macron nun schon, blieb auch gestern im Élysée-Palast "umgeben von imposanten Sicherheitsvorkehrungen" und lässt Premierminister Édouard Philippe "an die Front ziehen vor das Parlament und die Medien".

89.000 Sicherheitskräfte waren im Einsatz

Geäußert hat sich hingegen der Parteichef der linksgerichteten FI (La France insoumise), Jean-Luc Mélenchon. Der sagte am Samstag, "drei Viertel der Forderungen der Gelbwesten" entsprächen dem Programm seiner Partei. Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Rassemblement National, erwartet von Macron "starke Antworten auf die Leiden der Gelbwesten". Beide, Mélenchon wie Le Pen, fordern die Auflösung der Nationalversammlung und versuchten, die Proteste für eine Revolution in eigener Sache zu nutzen, urteilt Le Monde.

Nichtsdestotrotz gingen am zweiten Adventssamstag rund 11.000 Menschen weniger auf die Straße als noch vor einer Woche. Möglich, dass ein deutlich größeres Aufgebot an Sicherheitskräften für etwas weniger Ausschreitungen sorgte. 89.000 waren im ganzen Land im Einsatz, 8.000 allein in Paris. Und erstmals fuhren vierzehn Panzerwagen durch die Hauptstadt. Die Presse zeigt die Bilder, bewertet sie aber wenig. Das wirkt abwartend. Worauf die Kommentatoren warten? Ganz offensichtlich auf den für Anfang der Woche angekündigten Auftritt Macrons.