"Da geht noch was", schrieben die Gelbwesten am Abend nach der Rede auf Facebook. Die Krankenschwester, der Rentner, der Unzufriedene, sie alle wollen wissen: Tut sich da noch was?

Macron hatte noch am Montagmorgen versucht, möglichst viele Interessengruppen einzubinden. Er sprach mit den Fraktionschefs der Parteien, mit Gewerkschaftsbossen, mit dem Sozial- und Wirtschaftsausschuss, den Arbeitgeberverbänden. Das Problem dabei ist allerdings: Diese üblichen Ansprechpartner der Regierung haben mit den Gelbwesten nichts zu tun. Sie sehen wie Macron dem Treiben mit vor Staunen geöffneten Augen zu. Auch sie werden auf den Marktplätzen ausgepfiffen, weil die Gelbwesten sich von niemandem vereinnahmen lassen wollen.

Die Fernsehansprache war nach einer Woche des Schweigens die Chance des Präsidenten, die Menschen zu erreichen. Das letzte Mal, als sich Macron in die Öffentlichkeit wagte, besichtigte er eine von den Gelbwesten demolierte Präfektur im zentralfranzösischen Puy-en-Velay – und wurde von Passanten ausgebuht.

Der Präsident kann im Moment nichts richtig machen, weil die Gelbwesten seiner Politik komplett entgegenstehen: Sie wollen die Steuern radikal umverteilen, ja, sie fordern einen Systemwechel, bei dem die Reichen viel abgeben und die Armen fast alles behalten dürfen.

Macrons Überzeugung aber ist es, die obere Schicht zu schützen, damit sie die Armen mitziehen kann. Ändert er seine Politik allerdings so, wie es die Gelbwesten fordern, würde er seine zentrale wirtschaftsliberale Politik verraten: Er müsste die Vermögenssteuer wieder einführen, den Mindestlohn und die Rente um Hunderte Euro pro Monat erhöhen. Hält er an seiner Politik fest, so werden die Gelbwesten wohl weiter protestieren. Macron sitzt in der Falle.

Wenig greifbare Gruppe

Seit mehr als fünf Wochen blockieren die Gelbwesten Straßenkreuzungen und Finanzämter, an vier Samstagen haben sie Paris lahmgelegt und es auf die Titelseiten internationaler Zeitungen geschafft. Vor allem deswegen, weil sich unter sie sogenannte casseurs, Zerstörer, gemischt haben, die Schaufenster einschlugen, Mülleimer in Brand setzten und Steine schmissen. Laut der französischen Staatsanwaltschaft handelt es sich bei dieser gewaltbereiten Teilgruppe um Menschen aus dem links- und rechtsextremen Milieu – und um Gelbwesten, die sich keiner politischen Linie zuordnen lassen, die aber voller Wut zuschlagen.

Dass die Gelbwesten so wenig greifbar sind, ist das größte Problem für die Pariser Regierung. Die Protestierenden haben viele verschiedene Forderungen, sie wollen keine Hierarchien. Über die sozialen Medien verabreden sie sich zu Blockaden an Kreisverkehren oder für die samstäglichen Demonstrationen. An den grellen Sicherheitswesten erkennen sie sich. Die gelben Westen geben ihnen das Gefühl, dazuzugehören und etwas bewegen zu können.

Nun wird auch diese Woche voraussichtlich wieder so ablaufen, als hätte Macron gar nicht gesprochen. Viele Gelbwesten sagen in Interviews, diese Proteste seien ihre einmalige Chance, sich Gehör zu verschaffen. Und Wirkung zu haben. Für Samstag sind erneut Proteste in ganz Frankreich angekündigt.