Ein Krankenpfleger, eine Gewerkschafterin, ein Lehrer und eine Studentin beschreiben, was in Großbritannien wirklich die größten Probleme sind – die Mitgliedschaft in der Europäischen Union gehört nicht dazu. Der Personalmangel vor allem an Schulen oder die Krise im Gesundheitssystem könnten sich nach dem Austritt sogar verschlimmern, glauben sie. Vier junge Briten und ihr Blick auf den Brexit:

James, 28, Burnley, Krankenpfleger

Seit zwei Jahren ist der Brexit Dauerthema in Großbritannien. Mich nervt das. Wir haben andere Probleme. Ich arbeite als Pfleger im Krankenhaus. Dort sind die Stationen überfüllt, Operationen werden verschoben. Es herrscht Ausnahmezustand – wir haben die schwerste Krise des nationalen Gesundheitsdienstes NHS seit Jahrzehnten. Meine Großeltern haben für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt, weil sie finden, dass Migration das größte Problem ist. Sie verstehen nicht, dass wir Einwanderer brauchen, weil wir nicht genügend britische Krankenschwestern und Ärzte haben. Ohne Einwanderer würde beim NHS gar nichts laufen.

Vor dem EU-Referendum vor eineinhalb Jahren war der NHS ein zentrales Thema. Das Argument der Vote-Leave-Kampagne war damals, dass wir die 350 Millionen Pfund, die wir wöchentlich an die EU zahlen, in den NHS investieren könnten. Aber nichts davon wurde umgesetzt.

Der Brexit ist zu kompliziert

Ich komme aus Burnley, einer Kleinstadt in Nordengland. Ich könnte eine Zweizimmerwohnung für 30.000 Pfund kaufen, so günstig sind hier die Immobilienpreise. Aber die Arbeitslosenquote ist hoch, die Menschen können sich das nicht leisten. Seit ich 16 bin, habe ich das Gefühl, dass unsere Generation von Krise zu Krise lebt. Tony Blair, David Cameron, jetzt Theresa May. Mit 40 Prozent der Wählerstimmen haben die Tories 100 Prozent der Macht. Sie repräsentieren aber nicht das Volk. Den einen Willen des Volkes, von dem Theresa May immer spricht, den gibt es gar nicht. Das ist populistisch. Die Menschen wussten bei der Abstimmung über den Brexit gar nicht, was sie da genau tun.

Ich habe den 600-Seiten-Austrittsvertrag nicht gelesen. Der Brexit ist zu kompliziert. Ich verstehe nicht, was momentan passiert. Die Leute haben alle keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Aber dafür wählen wir doch Abgeordnete: Damit die Entscheidungen für uns treffen, die wir nicht selbst treffen können.

Rachel, 26, Cambridge, Gewerkschafterin

Ich komme aus einer wohlhabenden Familie, mein Vater ist Bankdirektor, meine Mutter ist Lehrerin. Ich habe keine Zukunftsängste. Aber ich weiß auch, dass die meisten Menschen in meinem Land nicht so viel Glück haben. Armut, steigende Mietpreise, Obdachlosigkeit, die Zweiklassengesellschaft – das sind die wahren Probleme Großbritanniens. Nicht die Europäische Union. Durch den Austritt aus der EU werden wir unsere nationalen Probleme nicht besser lösen können.

Wir sollten in der EU bleiben, um den Frieden in Nordirland zu wahren.

Ich habe den Austrittsvertrag nicht gelesen, er ist zu lang. Die Fachwörter würde ich nicht verstehen. Aber ich lese Zusammenfassungen in den Nachrichten. Ich fühle mich sehr gut informiert. Wir sollten in der EU bleiben, um den Frieden in Nordirland zu wahren. Die meisten Engländer wissen nicht, was das Karfreitagsabkommen ist. Auch nicht, dass die Europäische Union mit dem Peace-Programm den Wiederaufbau Nordirlands unterstützt. Die Grenze zwischen der Irischen Republik und Nordirland würde wiedererrichtet werden. Mir ist klar, dass ein Teil der Bevölkerung mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist – egal, wie die Entscheidung ausfällt.

Aber warum zwingen wir die Nordiren dazu, sich entscheiden zu müssen, ob sie noch Teil Großbritanniens seinen wollen? Der Brexit wird den alten Konflikt in der Region neu entfachen. Das haben unsere Politiker totgeschwiegen. Eine vernünftige Lösung für das Nordirlandproblem gibt es nicht.