Umgekehrt aber könnten amerikanische Sanktionen gegen deutsche Unternehmen auch viel Schaden anrichten. Das Versagen der Berliner Pipeline-Diplomaten liegt darin, dass sich viele Europäer auf Nord Stream 2 eingeschossen haben, während andere Staaten still und zielstrebig ihre Röhrenträume verwirklichen.

Zum Beispiel Polen: Die Warschauer Regierung protestiert besonders laut gegen Nord Stream 2, treibt aber hinter der Geräuschkulisse eigene Projekte voran. Gerade wurde die Baltic Pipe beschlossen, die norwegisches Gas über Dänemark nach Polen bringen soll – an Deutschland vorbei. Warschau hat da Erfahrung. Es kassiert seit über zehn Jahren von Russland Transitgebühren für eine große Gaspipeline, die auch die Ukraine umgeht. Weitere Röhren nach Südosteuropa sind in Planung. Polen will selbst ein Energieverteiler-Land werden.

Zum Beispiel Türkei: Schon seit den Neunzigerjahren liefert die Blue-Stream-Pipeline russisches Gas nach Anatolien. Nun stellen die Russen eine neue Doppelröhre fertig, die von Russland durch das Schwarze Meer an die türkisch-bulgarische Grenze führt. Turk Stream hat zwei Drittel der Kapazität von Nord Stream 2 und soll den europäischen Markt beliefern. Unter Umgehung von wem? Richtig, der Ukraine. Nur darüber redet niemand. Präsident Erdoğan will sein Land zur Drehscheibe machen und hat den Ausbau der Infrastruktur im Schwarzen Meer angekündigt. 

Ein Stopp von Nord Steam 2 wird der Ukraine wenig nützen

Die Ukraine wird also nicht nur durch Nord Stream 2 umgangen. Russland baut seit Jahren an Alternativen zur Ukraine, die längst kein Gas mehr von Russland kauft, aber weiter Transitgebühren für russisches Gas nach Europa kassieren möchte.

Um der Ukraine diese Ausnahmestellung zu erhalten, wird ein Stopp von Nord Stream 2 wenig nützen. Denn dann wird Gazprom eben weitere Röhren im Schwarzen Meer bauen. Oder mehr Flüssiggas-Terminals. Oder neue Partner in Europa finden. Putin wird die heutige Position der Ukraine als Hauptroute nach Europa auf alle Fälle ändern. Will die Ukraine weiter ein wichtiges Exportland für russisches Gas sein, muss sie sich mit Moskau einigen. Was Kiew braucht, sind Minsker Verhandlungen mit der EU und Russland über den Gasexport.

Die Bundesregierung hat dafür in diesem Frühling einen Vorschlag gemacht. Der kommt zwar drei Jahre zu spät, ist aber trotzdem nicht schlecht. Ein Konsortium westlicher Firmen modernisiert die alten Stränge der ukrainischen Pipelines mit Krediten aus Europa. Kiew gelobt, niemals aus politischen Gründen den Gasfluss zu unterbrechen. Moskau garantiert, eine Mindestmenge an Gas durch die Ukraine zu liefern. Soweit der deutsche Vorschlag. Zusätzlich sollte man der Ukraine noch zusichern, dass entweder die Nord-Stream-2-Gesellschaft oder die Deutschen Ausfälle von Transiteinnahmen ersetzen, indem sie in ukrainische Infrastruktur investieren.  

Warum sich Putin daran halten könnte? Ganz einfach: Weil es ihn wenig kostet und weil möglichst viele Pipelines gut für Gazprom sind. Genauso wie für Europa, das seit Jahren in viele Röhren und Gasterminals investiert – und deshalb von keinem einzelnen Gasproduzenten mehr abhängig ist.