Die Armenier wollen gut ein halbes Jahr nach den friedlichen Protesten ihr Land hin zu mehr Demokratie lenken und vertrauen dabei auf Ministerpräsident Nikol Paschinjan, der bislang geschäftsführend im Amt war. Seine mit demokratischen Reformversprechen angetretene Bewegung bekam bei der Parlamentswahl am Sonntag nach Angaben der Wahlkommission auf 70 Prozent der Stimmen. Auf dem zweiten Platz folgte die Partei Wohlhabendes Armenien mit rund acht Prozent.

Auf Facebook schrieb Paschinjan an seine Wähler gerichtet: "Ich liebe Euch alle, ich bin stolz auf Euch alle, ich verbeuge mich vor Euch allen." In der Nacht sagte er armenischen Medienberichten zufolge, er glaube nicht, dass die erste Stufe der Revolution beendet sei. "Die Revolution wird nicht enden, wenn wir nicht alle Ziele der Revolution erreichen." Mit einem deutlichen Sieg des in der Bevölkerung überaus beliebten Ministerpräsidenten und seiner Bewegung Mein Schritt war gerechnet worden.

Rund 2,5 Millionen Menschen waren zu der vorgezogenen Wahl aufgerufen. Die Wahlbeteiligung lag nach Angaben der Wahlkommission bei knapp 49 Prozent – vergleichsweise niedrig angesichts der Euphorie im Land. Experten verwiesen als möglichen Grund auf den ungünstigen Wahltermin im Dezember.

Der frühere Journalist Paschinjan hatte im Frühjahr die wochenlangen Straßenproteste gegen Korruption und Vetternwirtschaft in Armenien angeführt. Als Kopf der Proteste wurde er weit über die Ex-Sowjetrepublik hinaus bekannt und zwang den damaligen Regierungschef Sersch Sargsjan zum Rücktritt. Infolge der sogenannten Samtenen Revolution stieg er im Mai zum Interimsregierungschef auf. Mitte Oktober reichte er seinen Rücktritt ein und ebnete so den Weg zur Neuwahl, von der er sich mehr Macht im Parlament erhoffte.

Nach der Wahl spottete Paschinjan über die Republikaner, die nicht einmal genügend Stimmen für ein einziges Mandat gesammelt hätten. Die Opposition warf dem Regierungschef dagegen einen schmutzigen Wahlkampf und eine unfaire Abstimmung vor. Armen Aschotjan von den Republikanern sagte, seine Partei sei schikaniert worden. Außerdem habe Paschinjans Sieg schon vorher festgestanden, weil seine Partei die Wahl "in einer postrevolutionären Euphorie abgehalten hat".

Das kleine und arme Armenien mit knapp drei Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern liegt im Südkaukasus und befindet sich in einer schwierigen politischen Lage. Es ist mit den Nachbarn Aserbaidschan und Türkei verfeindet und deshalb auf ein Bündnis mit Russland angewiesen. Paschinjan will an der Zusammenarbeit sowohl mit Russland als auch mit der EU festhalten. Die russische Regierung sieht Paschinjan jedoch kritisch.