Die Briten sind verrückt geworden. Zuerst entscheiden sie sich für den Austritt ihres Landes aus der EU. Dann bekommen sie diesen Abschied nicht unfallfrei hin. Jetzt droht mit einem Misstrauensvotum gegen May der Totalschaden. Nur, wenn es stimmt, dass die Briten durchgeknallt sind, dann sind auch viele Italiener nicht mehr ganz bei Trost. Sie haben sich im März dieses Jahres mehrheitlich für zwei Parteien entschieden, die von der EU sprechen, als sei sie eine Kolonialmacht. Die Vertreter der EU bezeichnen Politiker dieser beiden Parteien schon mal als Terroristen. Und was sollte man erst von den Franzosen sagen, die sich gelbe Warnwesten anziehen, den Arc de Triomphe in Paris beschädigen, das Ebenbild der Nationalfigur Marianne zerstören, und den eloquentesten Europäer aller Europäer, Emmanuel Macron, am liebsten aus dem Amt jagen möchten? Oder von den Polen. Oder von den Ungarn, die sich freiwillig einem Autokraten unterworfen haben, der von Brüssel spricht, als sei es die Hauptstadt eines unterdrückerischen Imperiums?

Die Briten sind also nicht alleine, sie sind Teil von etwas Größerem – und das kann man nicht als schlichte Tollheit abtun. Wir erleben in vielen europäischen Ländern eine Revolte gegen die Europäische Union. Der Brexit-Entscheid vor achtzehn Monaten markierte ihren Beginn.

Die EU ist gut beraten, davor nicht die Augen zu verschließen. Wer für den Brexit gestimmt hat, wer Matteo Salvini gewählt hat, wer in diesen Tagen in den Straßen von Paris, von Nantes, Bordeaux, Toulouse mit gelben Westen demonstriert, der will eine Alternative. Diese Suche nach einer anderen Politik muss die EU sowie alle Europapolitiker ernst nehmen. In Brüssel kann man sie nicht einfach abtun als gestrig und gefährlich. Wer diesen Menschen nicht zuhört, der übersieht ihr legitimes Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit. Wer ihnen mit der Arroganz des Technokraten begegnet, wird einen Sturm der Wut ernten. Macron hat es gerade erlebt. Demut ist das Gebot der Stunde. Macron übt sich in diesen Tagen darin. Er tut es nicht freiwillig.

Die Revolte speist sich aus vielen Quellen. Doch die Populisten beherrschen die Kunst, allen Unmut auf ein einziges Ziel zu lenken: die Europäische Union. Die Briten sind durch die vielen illegalen Migrantinnen und Migranten verunsichert. Die EU ist schuld! In Italien bricht eine Brücke ein. Die EU ist schuld! Die Ungarn fühlen sich in ihrer Identität bedroht. Die EU ist schuld! Die Liste lässt sich fortsetzen. Die EU, so scheint es derzeit, ist erfunden worden, um Sündenbock zu sein.

Die EU hat getan, was sie konnte

Die EU aber ist nicht an allem schuld, schon gar nicht am Brexit. Den hat eine konservative Gruppierung verbrochen, die sich als politische Partei verkleidet hat, im britischen Parlament vertreten und zum Unglück der Briten auch noch an der Regierung ist. Auch das Chaos, das derzeit in London zu beobachten ist, hat nicht Brüssel zu verantworten. Großbritanniens Politiker haben sich in einem Labyrinth verloren, das sie selbst geschaffen haben. Den Ausweg müssen sie selbst finden.

Die EU hat für Großbritannien getan, was sie tun konnte. Sie darf Theresa May keine Zugeständnisse mehr machen. Denn der Brexit ist eine Etappe im Kampf um die Existenz der EU. Er ist noch lange nicht entschieden. Wer Theresa May oder jedem, der ihr Amt übernehmen könnte, jetzt noch mehr Zugeständnisse macht, der wird jene ermutigen, die die EU nicht als eine Werte- und Rechtsgemeinschaft betrachten, sondern als Club aus dem man austritt, wenn es keinen Spaß mehr macht.

Im Januar 2017 sagte der Niederländer Geert Wilders bei einem Treffen aller europäischen rechtspopulistischen Parteien in Koblenz. "Wir stehen vor einem Frühling der europäischen Völker!" Es sieht so aus, als hätte Wilders etwas erkannt. Es bricht was auf in Europa. Man sollte Großbritannien deshalb ziehen lassen, notfalls auch ohne Vertrag. Alle politische Kraft wird gebraucht, um die Unruhe innerhalb der übrigen 27 EU-Staaten zu beruhigen. Gestern noch schien Ungarn das größte Problem der EU, es kam Polen dazu, dann Italien und nun könnte es Frankreich werden. Der Frühling, von dem Wilders sprach, fühlt sich an wie ein eisiger, kalter Herbst.