Die zerbrochene Statue der Marianne, einem Symbol der Französischen Republik. Sie wurde während der Proteste in Paris eingeschlagen. © Kamil Zihnioglu/AP/dpa

Am Sonntagmorgen sind schon wieder gelbe Westen am weltberühmten Pariser Arc de Triomphe zu sehen. Diesmal allerdings gehören sie zur Arbeitskleidung der Stadtreinigung, die dem Auftrag nachkommt, die Graffiti zu entfernen, die am Samstag auf das nationale Monument gesprüht wurden. Währenddessen erscheint auf allen Bildschirmen der Gipsabdruck jener Statue, die als kämpfende Marianne die Seele des Triumphbogens darstellt: Ein Auge fehlt. Die Gelbwesten haben es eingeschlagen.

Gegen elf Uhr trifft dann auch der Präsident an der Place Charles-de-Gaulle ein, frisch zurückgekehrt vom G20-Treffen. Begleitet vom Innenminister Christophe Castaner verneigt Emmanuel Macron sich vor der Flamme des unbekannten Soldaten. Man hat heute noch allerhand vor, beginnend mit einer Krisensitzung im Élysée um die Mittagszeit.

Tags zuvor hatten Zehntausende in ganz Frankreich demonstriert und Straßenkreuzungen blockiert. Und wie es scheint, nutzten nicht nur die üblichen Randalierer den Anlass, Innenstädte unsicher zu machen. Die Volkswut entlud sich nicht zuletzt an Mautstationen und Radarfallen, die als Symbole eines Staates verstanden werden, der überall abkassiert, die Benachteiligten des Landes aber sich selbst überlässt. Die Presse schreibt von 412 Festnahmen, die Zahl der Verletzten steht noch nicht fest, ein Mann soll in Lebensgefahr schweben. Die Polizei setzte Hartgummigeschosse ein. Eine der einflussreichen Polizeigewerkschaften fordert die Ausrufung des Notstands.

Und Macron, der durch nichts aufzuhalten schien, steht auf einmal buchstäblich vor dem Scherbenhaufen seiner Politik. Fragt sich nur, ob er es begriffen hat. Sein enger Vertrauter Benjamin Griveaux, der Regierungssprecher, erklärte noch am Sonntagmorgen: "Wir werden unseren Kurs nicht ändern, der Kurs ist gut."

Paris lässt sie im Stich

Das ist in gewisser Weise sogar richtig. Nur ist es Macron und seiner Mannschaft nicht gelungen, die Mehrheit der Franzosen auf die Fahrt mitzunehmen. Dass die Mehrheit den Präsidenten nur wählte, um die rechtsradikale Marine Le Pen zu verhindern, scheint man im Élysée-Palast vergessen zu haben. Und nicht nur das: Die ganze Geschichte Frankreichs lehrt, dass kein Regime die Provinzen Frankreichs auf Dauer ignorieren kann.

"Provinz", das klingt despektierlich, auch in Frankreich ist es manchmal so gemeint. Aber nur, wenn man in Paris lebt. In dem hochgradig zentralisierten Land existiert seit je der trotzige Stolz jener, denen die Hauptstadt wie ein ferner Regent vorkommt, der Steuern eintreibt und ansonsten zu wenig nütze ist. Da mag man Landarbeiter sein oder Notar, als Putzfrau oder als Lehrerin nach Paris pendeln, doch über alle Klassengrenzen hinweg weiß man: Paris lässt uns im Stich.

Zwar ist der Gegensatz von Metropole und Provinz keine französische Spezialität, aber er ist selten so ausgeprägt wie in dem Land, das den modernen Absolutismus erfand, den revolutionären Zentralismus und die pyramidale Republik. Der Prunk der globalisierten Hauptstadt findet seinen Kontrast nicht nur in den Ghettos ihrer Vorstädte, sondern gerade auch in den tristen Kleinstädten des ländlichen Raums. Dort, wo es keinen Bäcker mehr gibt, wo Nahrungssuche ohne Auto fast unmöglich ist.

So ist die Wirklichkeit, der Macron eine Energie- und Verkehrspolitik verordnete, die just jene Familie nicht berücksichtigt, die in ihrem alten Diesel die langen Wege zur Arbeit, zum Einkaufszentrum, zur Schule bewältigt. Die auf einmal nur noch 80 km/h fahren darf, auch dort, wo freie Sicht ist. Der Macron einen Zuschuss für den Erwerb eines teuren Elektroautos anbietet. Da kommt Wut auf.

Sie sehen nur die Gewalt

Das ist die Wut des unorganisierten Volkes. Gegen Macron haben Gewerkschaften und andere Interessenverbände demonstriert, aber das war kein Problem, man konnte diskutieren, verhandeln, Kompromisse finden. Gefährlicher ist der Volkszorn, wenn keine Organisation ihn formt. In der Geschichte Frankreichs flackerte er immer wieder auf, mehr als einmal pro Jahrhundert, und das schon seit vorrevolutionärer Zeit, dem späten Mittelalter. Eine Erfahrung, die dem Volksbewusstsein erhalten geblieben ist, in Geschichten, Liedern und Bildern weitergegeben wird. Wehe dem, der sie ignoriert!

Ignorant ist jedenfalls die Reaktion der Macronisten. Sie sehen nur die Gewalt. Sehen die Versuche von Extremisten, auf der Bewegung der Gelbwesten zu surfen. Sehen nur die Gegenwart, blicken nicht in das Herz der Leute, die auch am heutigen Sonntagmorgen wieder Straßen blockieren. Für den kommenden Sonnabend sind erneut Aktionen geplant, und wieder wollen sie nach Paris reisen. Was für Leute, die tagtäglich rechnen müssen, wie lange ihr Geld diesen Monat reicht, keine Kleinigkeit ist.

Frankreich - Emmanuel Macron fordert Dialog mit Demonstranten Nach erneuten Protesten der Gelben Westen will Frankreichs Regierung auf die Demonstrierenden zugehen. Der Ausnahmezustand soll nicht verhängt werden. © Foto: Stephane Mahe/Reuters

Vielleicht entlässt Macron den Innenminister, vielleicht bringt Macron es fertig, Versäumnisse seiner Politik einzuräumen, sie eventuell sogar zu korrigieren. Das allerdings wäre ein anspruchsvolles Unterfangen. Notwendig wäre vieles: Nachhaltige Umweltpolitik, eine Reform des überbordenden und ineffizienten Staatsapparats sowie eine Rentenpolitik, die Schluss macht mit dem Gestrüpp überkommener Privilegien, außerdem ein Ende der Privilegien der französischen Staatskaste, stattdessen eine Politik, die auch in den von der Globalisierung verlassenen Städten ankommt. Emmanuel Macron wären die Einsicht und die Kraft zu wünschen, um in diese Richtung umzusteuern.