Das pinkfarbene Haus steht in Jackson, Mississippi. Der Bundesstaat im Süden der USA ist groß, wer weit weg wohnt, muss bis zu vier Stunden fahren, um es zu erreichen. Selbst für an lange Strecken gewöhnte Amerikanerinnen nicht eine Fahrt, die mal eben so in den Tag eingeplant wird. Für alle Frauen, die ungewollt schwanger sind, ist die Jackson Women's Health Organization, die jeder nur Pink House nennt, jedoch die einzige Chance, wenn sie sich für einen Abbruch entschieden haben. Es ist die einzige Klinik in Mississippi, die den Eingriff vornimmt. Bei drei Millionen Einwohnern.

Seit 45 Jahren sind Schwangerschaftsabbrüche in den USA legal, der oberste Gerichtshof hat das 1973 mit Roe v. Wade entschieden. Der ideologische Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern von Schwangerschaftsabbrüchen war im Land schon immer groß, das Grundsatzurteil des Supreme Court hat daran nichts geändert. Und seit Donald Trump Präsident ist, wird er härter geführt als je zuvor.

Auf der einen Seite steht die Pro-Life-Bewegung. Ihre Anhängerinnen und Anhänger sind der Meinung, dass das Leben mit der Zeugung beginnt. Sie hoffen, dass mit der Berufung von Brett Kavanaugh an den Supreme Court ein nun in der Mehrheit konservativ besetztes Gericht die Grundsatzentscheidung von Roe v. Wade kippen könnte. Verteidiger des Rechts von Frauen, selbst zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft beenden wollen, hoffen auf die seit den Midterms demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus. Demokratische Politikerinnen und Politiker könnten in den Bundesstaaten Gesetze und Urteile, die den Zugang zu Kliniken und medizinischer Behandlung einschränken, rückgängig machen.

Wer es in Mississippi zum Pink House geschafft hat, muss damit rechnen, jederzeit von Abtreibungsgegnern angesprochen oder beschimpft zu werden. Sie campieren fast täglich vor dem Gebäude. Freiwillige Helferinnen und Helfer stehen auf dem Parkplatz, um die Patientinnen von ihrem Auto in die Klinik zu begleiten. "Klinik-Eskorte" steht auf ihren Westen.

24 Stunden Wartezeit vor dem Eingriff

Doch damit sind Frauen in Mississippi auf der Suche nach Hilfe lange nicht am Ziel. Bis ein Eingriff vorgenommen werden kann, müssen enorm viele staatliche Vorschriften befolgt werden.

Zunächst muss ein Ultraschall gemacht werden. Das ist überall im Land so. In Mississippi werden die Frauen jedoch gefragt, ob sie den Ultraschall sehen wollen. Dann, ob sie ein Bild vom Embryo möchten – oder seinen Herzton hören wollen. Damit sich die Frauen eventuell doch noch anders entscheiden. Nach der Beratung müssen Patientinnen mindestens 24 Stunden warten, bevor der Eingriff erfolgen darf. Das bedeutet für die meisten Frauen, mehrere Tage freizunehmen, wenn sie nicht in Jackson leben. Die Frage nach den Herztönen oder die Wartezeit sind zum Beispiel in Kalifornien, einem Bundesstaat mit liberaleren Rechten, nicht erforderlich.

Doch Mississippi ist kein Einzelfall. Auch andere Bundesstaaten schreiben Wartezeiten zwischen Beratung und Eingriff vor, in 43 Staaten sind Abbrüche grundsätzlich nach einem gewissen Zeitpunkt der Schwangerschaft verboten, es sei denn, die Schwangerschaft bedroht die Gesundheit der Frau. Der Zugang zu medizinischer Hilfe ist außerdem oft schwer. Auch in North Dakota, South Dakota, Wyoming, Kentucky, West Virginia und Missouri gibt es für Frauen jeweils nur eine einzige Klinik, die Schwangerschaftsabbrüche vornimmt.

Die Vorschriften, welche Schritte bis zu einer Abtreibung zu erfüllen sind, kommen von den Bundesstaaten. Betrieben werden viele der Kliniken von Planned Parenthood. Die Non-Profit-Organisation bietet landesweit nicht nur die Möglichkeit, sich als Frau über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren und diese vornehmen zu lassen. In den mehr als 650 Kliniken können Frauen außerdem unter anderem Verhütungsmittel und die Pille danach erhalten. Die Leistungen sind verhältnismäßig günstig, weil sie staatlich bezuschusst werden. Viele Frauen aus sozial schwächeren Verhältnissen gehen zu Planned Parenthood.

Zwar ist die direkte staatliche Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen in den USA verboten. Allerdings können Organisationen die Mittel vom Staat für andere Leistungen der Familienplanung erhalten. Diesen Zuschuss würde Donald Trump gern einschränken. Das würde Planned Parenthood und anderen Organisationen grundsätzlich die Arbeit erschweren. Viele republikanisch regierte Bundesstaaten unterstützen den Präsidenten.

Der ganz große Kampf um das Recht der Frauen, frei entscheiden zu können, er findet also auf nationaler Ebene und damit in großer Öffentlichkeit statt, er wird aber auch in den Bundesstaaten ausgefochten. Die Bundesstaaten würden "systematische Hürden" aufbauen, um ein Recht zu untergraben, das geschützt werden sollte, sagte Rachel Sussman von der Planned Parenthood Federation of America im Dezember dem Sender CNN. "Das ist der Kampf, den Amerika führen sollte", sagte Steven Alden von Americans United for Life der New York Times.