Politische Entscheidungen auf das Geschlecht einer Beteiligten zurückzuführen ist mir grundsätzlich verdächtig, aber dieses Mal, es geht nicht anders, mache ich eine Ausnahme: Was die 117 Tory-Abgeordneten im britischen Unterhaus dazu trieb, ihrer Premierministerin das Vertrauen entziehen zu wollen, ist rational nicht zu erklären. Dem Versuch, Theresa May zu stürzen, müssen also Emotionen zugrunde gelegen haben, genauer gesagt: eine Macho-Attitüde gegenüber der Frau (an dieser Stelle ist eine Betonung vorgesehen), die zweieinhalb Jahre lang versucht hat, einen Brexit-Deal für Großbritannien zu schmieden, der unter den Bedingungen von Irrsinn die beste aller Annäherungen an die Vernunft darstellte.

Der Misstrauensantrag der Brexit-Hardliner, der soeben gescheitert ist, war nicht nur illoyal, nein, viel schlimmer, er war sinnlos und überheblich. Was glaubten die Meuterer denn Besseres zu gewinnen?

Jeder neue Regierungschef hätte vor denselben Problemen gestanden wie May: Im Unterhaus ist weder ein Brexit ohne Deal mehrheitsfähig noch ein Brexit zu den Bedingungen, die mit Brüssel zu erreichen waren. Was sich die Rebellen erhofft haben, war erklärtermaßen, ein anderer Verhandler könne ein anderes Ergebnis nach Hause bringen. Ja, aber warum? Was hatte May denn nicht, was ein Anderer gehabt hätte? Eine tiefe, Respekt gebietende Stimme? Einen ausreichend kräftigen Händedruck? Ein durchdringendes Sandelholz-Aftershave?

Wenn die nunmehr enttäuschten Gentlemen sich vorgestellt haben, dass Jacob Rees-Mogg, eine Art wandelnde steife Oberlippe, oder Boris Johnson, der Hofnarr ihrer Majestät, oder wer auch immer einen besseren Ausstieg hätten verhandeln können, dann haben sie allesamt die Georg-III-Medaille für die Westminister-Politiker mit dem am weitesten fortgeschrittenen Realitätsverlust seit dem 18. Jahrhundert verdient.

Schwierige Kompromisse

May hat versucht, das Unmögliche möglich zu machen, und zwar virtuos. Sie wollte sowohl das demokratische Brexit-Votum vom 23. Juni 2016 umsetzen als auch verhindern, dass das Land ins Chaos stürzt, wenn es überstürzt sämtliche Rechts- und Wirtschaftsbeziehungen zum Kontinent kappt. Jeder verantwortungsbewusste Regierungschef hätte dasselbe tun müssen, und jeder hätte dabei festgestellt, dass er zwei Amtspflichten zu erfüllen hatte, die miteinander kollidierten.

Es war klar, dass May mit ihrem Deal scheitern musste, denn er kann keines der beiden Lager auf der tief gespaltenen Insel zufriedenstellen. Die Brexiteers sind empört, dass die Briten auf unbestimmte Übergangszeit den Regeln des europäischen Binnenmarktes unterworfen sein sollen, ohne bei der Regelsetzung etwas mitzureden zu haben. Die Remainers sind empört, weil May trotz eines sich abzeichnenden Meinungswandelns in der Bevölkerung für einen Verbleib in der EU deren wirtschaftliche Zukunft drangeben will. Der Weg der mittleren Vernunft war der Weg ins Nichts. Spricht das gegen May?