Theresa May will mit allen Mitteln um ihr Amt kämpfen. "I stand ready to finish the job" ("Ich bin bereit, den Job zu Ende zu bringen"), sagte May vor ihrem Amtssitz. Ihr zufolge sind bei den Verhandlungen mit EU-Spitzenvertretern Fortschritte erzielt worden. Ein Deal mit der EU sei erreichbar, sagte sie. Durch das Misstrauensvotum gegen sie werde jedoch die Zukunft aufs Spiel gesetzt.

Laut May hätte ein neuer Premierminister "keine Zeit, um eine Rücktrittsvereinbarung neu auszuhandeln und die Gesetzgebung bis zum 29. März durch das Parlament zu bringen", sagte sie in ihrem Statement. Daher müsste der Artikel 50, der den Brexit-Ausstiegsprozess regelt, verlängert oder aufgehoben werden, was den EU-Austritt verzögern oder sogar aufhalten würde.

Inzwischen haben sich mehrere Minister aus Mays Kabinett sowie mindestens 100 Abgeordnete öffentlich dazu bekannt, die Premierministerin bei der Abstimmung zu stützen. Insgesamt benötigt May 158 Stimmen, um das Misstrauensvotum zu überstehen.

Die für Mittwoch angesetzte Kabinettssitzung hat May abgesagt.

Am Abend muss sich May einer fraktionsinternen Abstimmung über ihr Amt als Parteichefin und Premierministerin stellen. Graham Brady, der Vorsitzende des zuständigen 1922-Komitees, teilte mit, dass das erforderliche Quorum erreicht sei. Insgesamt 48 Abgeordnete der Tory-Fraktion müssen der Premierministerin das Vertrauen entziehen, damit es zu einer Abstimmung kommt.

Um May als Parteivorsitzende und damit als Premierministerin zu stürzen, muss die Mehrheit aller 315 konservativen Unterhaus-Abgeordneten für ihre Abwahl votieren. Also insgesamt 158 Parlamentarier. Verliert May, wird ein neuer Parteichef oder eine neue Parteichefin bestimmt. Gibt es nur einen Kandidaten, kann das sehr schnell gehen. Bewerben sich mehrere, gibt es mehrere Wahlgänge. Bei jedem Mal scheidet der oder die jeweils Letztplatzierte aus, bis nur noch zwei Bewerber übrig sind. Sie müssen sich dann einer Urwahl unter den Parteimitgliedern stellen. Die Prozedur dauert mehrere Wochen. Der Sieger würde dann neuer Premierminister werden.

Sollte May die Vertrauensabstimmung verlieren, wäre sie auch als Premierministerin nicht mehr zu halten. Gewinnt sie allerdings, darf innerhalb eines Jahres kein neuer Misstrauensantrag gegen sie gestellt werden. Wie die BBC berichtet, hat Brady May um ein Treffen an diesem Mittag gebeten. Die Abstimmung soll dann zwischen 19 und 21 Uhr erfolgen. Das Ergebnis soll laut Brady noch am Abend veröffentlicht werden.

Auslöser des Misstrauensvotums war eine Gruppe von Brexit-Hardlinern um den konservativen Abgeordneten Jacob Rees-Mogg. Er hatte der Premierministerin bereits kurz nach der Veröffentlichung des Brexit-Abkommens sein Misstrauen ausgesprochen. Nach Mays Statement forderte er sie auf Twitter erneut zum Rücktritt auf. Auch die Opposition äußerte sich zum Misstrauensvotum gegen May. Die Schwäche von Premierministerin May "hat die Regierung in dieser für das Land kritischen Zeit völlig stillgelegt", sagte der Labour-Abgeordnete Ian Lavery. Laut ihm gefährdet die interne Spaltung der Tories "Arbeitsplätze und Lebensstandard der Menschen". Auch Schottlands Premierministerin Nicola Sturgeon forderte May zum Rücktritt auf.

Theresa May gilt seit Längerem als politisch geschwächt. Zuletzt hatte sie die geplante Abstimmung über das Brexit-Abkommen mit der EU verschoben, für das sie im britischen Unterhaus keine Mehrheit zusammenbekommen hat. Durch Gespräche unter anderem mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker versuchte sie neue Zugeständnisse der EU erreichen. Dabei geht es vor allem um die vereinbarten Sonderregeln für die irisch-nordirische Grenze. Die EU lehnt Änderungen im Brexit-Vertragswerk jedoch ab.

Gleichwohl wollen die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten über den Brexit beraten. EU-Ratspräsident Donald Tusk hatte dazu parallel zu dem eigentlichen regulären Gipfel zu einem Extra-Gipfelgespräch eingeladen.