Die Staatsanwaltschaft in Istanbul hat 219 Haftbefehle gegen angebliche Staatsfeinde der Türkei erlassen. Damit geht die Türkei auch mehr als zwei Jahre nach dem gescheiterten Militärputsch weiter gegen mutmaßliche Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen vor. Der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge richteten sich die Haftbefehle unter anderem gegen Offiziere und Unteroffiziere, darunter vier Oberste und fünf Oberstleutnante, die verdächtigt werden, zur Gülen-Bewegung zu gehören.

Laut der Staatsanwaltschaft in Ankara wurden zudem Haftbefehle gegen 48 weitere Verdächtige, die zum Großteil aus der Rüstungsindustrie stammen, ausgestellt. Erst vor einer Woche hatten Sicherheitskräfte landesweit nach mehr als 200 Menschen gesucht. In mehreren Provinzen kamen mindestens 94 Menschen ins Gefängnis, unter ihnen ehemalige Mitglieder der türkischen Luftwaffe und Angehörige der Gendarmerie.

Lange war die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen mit der islamisch-konservativen Partei für Entwicklung und Gerechtigkeit (AKP) von Präsident Recep Tayyip Erdoğan verbündet, bevor sich Gülen und Erdoğan 2013 im Kampf um Posten und Macht überwarfen. Heute wirft Erdoğan der religiösen Bruderschaft vor, die staatlichen Institutionen unterwandert und versucht zu haben, ihn bei dem Militärputsch zu stürzen.

Zehntausende inhaftiert

Seit diesem versuchten Staatsstreich wurden in der Türkei Zehntausende mutmaßliche Anhängerinnen und Anhänger der als Terrororganisation verbotenen Bewegung inhaftiert und aus dem Staatsdienst entlassen. Kritiker werfen der Regierung vor, nicht nur jene zu verfolgen, die sich tatsächlich an dem Putsch beteiligt haben, sondern auch zahlreiche Unschuldige.

Nach offiziellen Zahlen von Mitte November wurden seit 2016 rund 218.000 Menschen festgenommen. 16.684 der Betroffenen wurden demnach verurteilt. 14.750 befanden sich weiterhin in Untersuchungshaft. Mehr als 140.000 Menschen wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Verteidigungsminister Hulusi Akar gab Anfang November an, dass allein beim Militär mehr als 15.000 Menschen, darunter 150 Generäle und Admirale, des Amtes enthoben worden seien.