Gedacht war die Mitteilung des US-Präsidenten als Weihnachtsgeschenk an die Soldatenfamilien. Am Ende jedoch verblüffte der Tweet Freund und Feind rund um den Globus: Die US-Truppen kommen heim, der "Islamische Staat" (IS) ist besiegt, der Einsatz in Syrien beendet, deklamierte Donald Trump – derweil das Pentagon frenetisch versuchte, diesem einsamen Vorstoß seines Oberbefehlshabers die Spitze zu nehmen. Doch der will im Nahen Osten nicht mehr den Polizisten spielen. Jetzt sollten beim Kämpfen mal andere ran, twitterte Trump an seine Kritiker in den eigenen Reihen.

Die negativen Folgen für das strategische Ansehen der Vereinigten Staaten in der Region nimmt der US-Präsident damit bewusst in Kauf. Die europäischen Verbündeten protestieren entsetzt. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) etwa warnte vor der Gefahr, "dass diese Entscheidung dem Kampf gegen IS schadet und die erreichten Erfolge gefährdet". Die kurdischen Mitkämpfer, die bislang unter hohen Verlusten das militärische Rückgrat gegen die Terrormiliz bildeten, fühlen sich verraten und im Stich gelassen.

Trumps Lieblingsfeind, der Iran, frohlockt dagegen. Eine Konfrontation mit der US-Armee auf syrischem Boden braucht die Islamische Republik nicht mehr zu fürchten. Auch bei der syrischen Nachkriegsordnung haben der Iran, die Türkei und Russland künftig freie Hand. Entsprechend großzügig fiel das Lob des russischen Präsidenten Wladimir Putin aus. Das Weiße Haus ließ lediglich mitteilen, kein einziger Dollar werde für den Wiederaufbau fließen, solange Baschar al-Assad an der Macht sei.

Dem Diktator fehlt dann nur noch Idlib

Der "Islamische Staat" allerdings bleibt durch Trumps Entscheidung auf Jahre eine unkalkulierbare Gefahr. Seine fähigsten Gegner, die kurdischen Brigaden, werden sich nach dem Tiefschlag aus Washington schon bald in ihre nordöstlichen Heimatgebiete zurückziehen, um dort dem türkischen Nachbarn Recep Tayyip Erdoğan die Stirn zu bieten. Die halbautonome kurdisch-syrische Führung könnte versuchen, der drohenden Invasion türkischer Truppen durch einen nationalen Pakt mit Assad zu begegnen. 

Dann wehen syrische Regimefahnen bald wieder auf den kurdischen Rathäusern und Polizeistationen. Und der Diktator von Damaskus müsste im kommenden Jahr nur noch die letzte Rebellenenklave Idlib zurückerobern, um sein Land wieder völlig unter Kontrolle zu bekommen. Diese Großoffensive, die weitere 100.000 Syrer zu Flüchtlingen machen könnte, befürworten auch die Iraner. Ihren Revolutionären Garden überlässt Trump jetzt ebenfalls das syrische Schlachtfeld, eine Entwicklung, die vor allem Israels Führung beunruhigt.

Ohne eine schlagkräftige kurdisch-amerikanische Truppenpräsenz auf dem ehemaligen Territorium des IS-Kalifats werden die Gotteskrieger schon bald ihr Comeback haben. Weder im Irak noch in Syrien sind sie besiegt, auch wenn die von US-Spezialkräften trainierten Syrisch-Demokratischen Streitkräfte (SDF) derzeit mit dem Euphrat-Städtchen Hadschin eine der letzten IS-Bastionen zurückerobern. Die Dschihadisten genießen nach wie vor Rückhalt in Teilen der frustrierten Bevölkerung. Und sie profitieren auch jetzt wieder – wie vor ihrem Aufstieg im Sommer 2014 – von Staatsversagen, Dauermisere und Anarchie.

Extremisten richten sich im Untergrund ein

Die Zahl der IS-Kämpfer in Syrien bezifferte das Pentagon kürzlich auf 14.000, kaum weniger als die 17.000 im Nachbarland Irak, wo die Terrormiliz längst wieder offen in Erscheinung tritt. Entführungen, falsche Straßensperren und Bombenanschläge häufen sich. 75 Terroraktionen registrieren die irakischen Behörden derzeit pro Monat, das sind mehr als während der Schlussphase des IS-Kalifats im Jahr 2016. Lokale Politiker werden ermordet, um Chaos zu sähen und den Wiederaufbau der Wirtschaft zu sabotieren. Immer mehr Extremisten richten sich im Untergrund ein. Sie mischen sich unter die Bevölkerung, verbreiten Angst und Schrecken – vor allem nachts.

Insofern ist die nächste Runde im Krieg gegen die Dschihadisten in Syrien und im Irak nur eine Frage der Zeit. Und dann müssen auch die Amerikaner wieder auf dem Schlachtfeld erscheinen. Nur, die kampfstarken Kurden werden sich wohl nicht noch einmal von einem wankelmütigen Donald Trump vorführen lassen.