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Vor acht Jahren begann die ägyptische Revolution. Doch von den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft ist nicht viel geblieben. Hier beschreibt der ägyptische Blogger Wael Eskandar, wie es den Revolutionären heute geht.

Oft denke ich an Mohamed Mostafa, genannt Karika. Er war ein junger Ingenieursstudent, ein Tennisprofi und großer Fußballfan. Am 18. Dezember 2011 postete er auf Facebook eine Nachricht, bevor er aufbrach, um mit den anderen auf dem Tahrir-Platz zu demonstrieren: "Wenn du leben willst wie ein Tier, ist das deine Sache. Wenn du wie ein Sklave behandelt werden willst, ist das dein Recht. Aber verurteile nicht diejenigen, die wie Menschen leben wollen, in Freiheit und Würde."

Zwei Tage später wurde Karika während der Proteste vom Militär angeschossen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, dort verblutete er. Er war 19 Jahre alt, als er starb.

Karika steht für das, was der ägyptische Staat schon immer vernichten wollte: unsere Jugend und unser Potenzial. Er hat es geschafft, zahllose Menschen, die von einem besseren Leben träumten, auf unterschiedliche Weise zum Schweigen zu bringen.

Wael Eskandar ist ein ägyptischer Journalist und Blogger. Er kommentiert die ägyptische Politik unter anderem für "Ahram Online", "Daily News Egypt" und "Jadaliyya". Eskandar lebt in Kairo und hat die Revolution von Beginn an miterlebt. © privat

Die Revolution begann am 25 Januar 2011 und dauerte viel länger als die 18 Tage, in denen Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz gegen die Diktatur protestierten und schließlich Hosni Mubarak zu Fall brachten. Die Revolution war ein anhaltender Kampf, vor allem in den ersten beiden Jahren, die auf Mubaraks Absetzung folgten. Die Erfahrung der Revolution hat uns verändert, sie hat uns die Augen geöffnet, sie hat uns die Hoffnung geben, in einem besseren Land leben zu können, in dem Ungerechtigkeiten geahndet werden und Menschen mit Würde behandelt werden. Doch in dem Moment, in dem wir diesen Traum erstmals formulierten, zeigte sich, wie brutal unsere reale Welt war.

Die Revolution hat nicht nur verloren, weil ihre Gegner so stark waren, sondern auch, weil sie von ihren vermeintlichen Freunden verraten wurde. Nach dem Sturz Mubaraks übernahm das Militär die Kontrolle; darauf folgte 2012 der Muslimbruder Mohammed Mursi als erster frei gewählter Präsident. Mursi regierte autoritär und lehnte demokratische Reformen ab, die eine Gewaltenteilung ermöglicht hätten. Danach übernahm wieder das Militär die Macht, fest entschlossen, sie nicht noch mal zu verlieren.

Das Regime ist so brutal wie nie zuvor

Für uns Revolutionäre war seit Jahrzehnten das Militär der Feind, weil es die politische Macht und die Verteilung von Vermögen in Ägypten kontrolliert. Die Muslimbrüder dagegen sahen einige als Freunde der Revolution, die sich aber dann mit dem Militär verbündet und damit die Protestbewegung verraten hatten. Sie haben die Gesellschaft und auch die Revolutionsjugend gespalten. Andere fanden die antidemokratischen Haltungen und die Tendenz der Muslimbrüder zur religiösen Spaltung von Anfang an problematisch. So oder so haben die Muslimbrüder zur Niederschlagung der Revolution beigetragen.

Nach dem Militärputsch im Juli 2013, mit dem der frühere Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi Mursi aus dem Amt jagte, wurde es in Ägypten noch brutaler als vorher. Erst ging Sissi unter dem Deckmantel des "Kampfes gegen den Terror" gegen die Islamisten vor. Dann verfolgte er säkulare Aktivisten, Künstler, Menschenrechtler, Intellektuelle, also Kritiker aller Art.

Sissis Machtübernahme hat schreckliche Folgen: Kritische Journalisten wurden entlassen, einige des Landes verwiesen. Wer öffentlich über die Ungerechtigkeiten spricht, wird als Verräter betrachtet, immer wieder werden Menschen wegen eines kritischen Facebook- oder Twitter-Postings verhaftet, ohne Aussicht auf einen fairen Prozess, da das Regime direkten Einfluss auf das Justizwesen nimmt.