Menschen können sich ändern. Es entbehrt trotzdem nicht einiger Ironie, dass aus dem einstigen unerbittlichen Gegner von Angela Merkel ein zuvorkommender Gastgeber geworden ist. Vor vier Jahren noch, als die Bundeskanzlerin zuletzt Athen besuchte, rief der damalige Oppositionsführer Alexis Tsipras zu Protesten gegen sie auf. Sie komme nur nach Griechenland, um ihren Statthaltern neue Belehrungen zu erteilen, proklamierte der Linkenpolitiker damals. Schließlich habe Merkel in der Schuldenkrise die Macht über das Land übernommen. Die Polizei in Athen musste das Regierungsviertel vor Tsipras und seinen Demonstranten weiträumig absperren, um den Besuch der Kanzlerin nicht zu gefährden.

Der heutige Ministerpräsident Alexis Tsipras wird Angela Merkel am Abend nicht mit solchen Schmähungen empfangen. Und das liegt nicht nur an der Tatsache, dass Tsipras im Jahr 2015 aus der Opposition in die Regierung wechselte. Er hat der Kanzlerin einiges zu verdanken, auch wenn sie es ihm nicht leicht gemacht hat über die Jahre. Die Wende in ihren Beziehungen brachte eine Verhandlungsnacht auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise im Sommer 2015, als sich Angela Merkel gegen ihren damaligen Finanzminister Wolfgang Schäuble stellte und sich entschieden dafür einsetzte, Griechenland im Euro zu halten.

Seit dieser Nacht hat aber auch Alexis Tsipras seinen Teil dazu beigetragen, dass aus dem mindestens schwierigen Verhältnis eine konstruktive Zusammenarbeit wurde. Wie kein anderer griechischer Regierungschef der Krisenjahre hat Tsipras die Auflagen aus dem Sparprogramm für das Land umgesetzt. Vergangenes Jahr im August schließlich konnte Griechenland dieses letzte von drei Programmen erfolgreich abschließen, sodass die Regierung in Athen jetzt nicht mehr auf neue Kredite der europäischen Partner angewiesen ist.

Auch gelang Tsipras anders als seinen Vorgängern in der Krisenzeit, die Regierung über eine volle Legislaturperiode zusammenzuhalten und eine Neuwahl zu vermeiden. Sein Land sei inzwischen "ein Stabilitätsfaktor im Südosten Europas", sagt der Premier. Politisch hat Tsipras das jedoch wenig genutzt. Kurz vor der regulären Parlamentswahl in diesem Jahr im Oktober liegt er in den Umfragen weit hinter dem Parteifreund Merkels, dem konservativen Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis. Er ist der Sohn des früheren Premiers Konstantinos Mitsotakis und Bruder der einstigen Außenministerin Dora Bakogianni. Die Kanzlerin wird sich am Freitag mit ihm treffen.

Harmonie auch in der Außenpolitik

Auch losgelöst von der Schuldenfrage hat Tsipras mit der Außenpolitik seines Landes einen Weg beschritten, der mit den deutschen und europäischen Interessen übereinstimmt. Das betrifft vor allem den über Jahrzehnte anhaltenden Namensstreit mit dem nördlichen Nachbarland Mazedonien, dessen Annäherung an die EU Griechenland bisher blockierte. Deutschland und die EU-Länder wollen verhindern, dass der Balkan einem zu starken Einfluss anderer Mächte wie Russland ausgesetzt wird. Viele Griechen weigern sich dennoch, dem Nachbarn den Namen zuzugestehen, der seit der Antike auch die nördliche Provinz ihres Landes bezeichnet. Schließlich liegen die wichtigsten antiken Königsstätten des historischen Makedonenvolkes mit ihrem Übervater Alexander dem Großen im heutigen Griechenland. 

Tsipras verhandelte trotzdem in den vergangenen Jahren mit der Regierung in Skopje einen Kompromiss aus, der den Namen Nord-Mazedonien für das Nachbarland vorsieht. Nur brachte diese Politik dem griechischen Premierminister keine Beliebtheitspreise in seiner Heimat ein – schließlich lehnt es eine Mehrheit der Griechen weiterhin ab, dass der Name Mazedonien in irgendeiner Form von der Regierung in Skopje verwendet wird. Diese Stimmungslage nutzte der Oppositionsführer Mitsotakis für sich und stellte sich gegen die Einigung, die der Premierminister erzielte. Auch im Parlament wird seine Partei gegen die Einigung votieren. Es wird erwartet, dass die Kanzlerin während ihres Treffens mit Mitsotakis auf diesen Konflikt eingeht. 

Zusammen fanden Tsipras und Merkel auch in einer weiteren Problemlage, die nahtlos auf die Schuldenfrage folgte. Im Sommer 2015 spielte Griechenland eine zentrale Rolle in der Flüchtlingskrise: Damals überquerten die meisten Menschen die EU-Außengrenze, indem sie von der Türkei auf die griechischen Inseln in Schlauchboten übersetzten. Tsipras stützte im Verlauf der europäischen Verhandlungen den Kurs der Kanzlerin, obwohl auch aus Deutschland der Vorwurf kam, dass Griechenland seine Grenzen zu schlecht sichere. Letztlich aber entspannte sich die Situation in der Ägäis erst mit dem Abkommen, das allen voran Angela Merkel für die EU mit der Türkei verhandelte. Die griechische Öffentlichkeit hat das nicht besonders gewürdigt, die Regierung Tsipras aber schon.

Ein Besuch eines ausländischen Gastes wie dem von Angela Merkel jetzt in Athen kann einem Regierungschef üblicherweise innenpolitisch helfen. Das Ansehen und Gewicht eines Landes wie Deutschland und die Macht seiner Regierungschefin strahlt auf die Gastgeber aus. Im Fall von Griechenland und Alexis Tsipras allerdings bewirkt das Treffen eher das Gegenteil. In der griechischen Bevölkerung ist die deutsche Kanzlerin weiterhin unbeliebt. Von einer Wahlkampfhilfe für Tsipras kann also nicht die Rede sein. Ein bisschen hat sich der griechische Premier auch von ihrem nüchternen Führungsstil abgeschaut. Aus dem Populisten in der Opposition ist ein Realpolitiker geworden. Nur politisch so erfolgreich wie seine Amtskollegin aus Deutschland wird der Grieche damit aller Voraussicht nicht sein.