Weltwirtschaftsforum - Merkel wirbt für Multilateralismus Es gebe Herausforderungen, etwa den Klimawandel, die nur gemeinsam zu lösen sein, sagte Kanzlerin Angela Merkel. Besonders die Europäische Union könne Dinge voranbringen. © Foto: Markus Schreiber

Angela Merkel hat auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos im Wesentlichen das gesagt, was sie schon in den vergangenen Jahren immer wieder betont hat: Sie kritisierte den wachsenden Nationalismus und Populismus in der Welt. Indirekt an US-Präsident Donald Trump gerichtet, sagte die Kanzlerin: Es gebe Stimmen, die behaupten, der Welt gehe es besser, wenn jeder an sich denke. "Ich habe Zweifel daran." Für Merkel ist Protektionismus keine Lösung für die drängenden globalen Probleme. Sie bekannte sich zum Multilateralismus. "Aber das erfordert Mut."

Alles weder neu noch überraschend, aber vielleicht ist diese Wortschleife in der Merkel eigenen unprätentiösen Art in diesen geopolitisch schwierigen Zeiten wichtig. Denn das, was die Bundeskanzlerin kritisiert, hat mit dazu beigetragen, dass einige hochrangige Staatschefs ihre Teilnahme am WEF kurzfristig abgesagt haben. Die britische Premierministerin Theresa May muss sich um das Brexit-Chaos kümmern, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron kann nicht in die Schweizer Berge reisen, wenn auf den französischen Straßen die Gelbwesten protestieren, und US-Präsident Donald Trump will endlich seine Mauer bauen und den Shutdown beenden.

Dazu passend hat das Weltwirtschaftsforum vor wenigen Tagen seinen aktuellen Risikobericht vorgelegt. WEF-Präsident Borge Brende nennt darin mehrere Herausforderungen für die kommenden Jahre: die zunehmende Ungleichheit, die gesellschaftliche Polarisierung, geopolitische Krisen und den Klimawandel. Der Bericht kommt zu einem sorgenvollen Schluss: "Die globalen Risiken nehmen zu, aber der kollektive Wille, sie zu bekämpfen, schwächt sich ab."

Ist Merkel noch stark genug?

Neu sind diese Erkenntnisse nicht, darüber wurde bereits 2018 und 2017 in Davos debattiert. Aber nichts ist seitdem besser geworden, im Gegenteil – das belegen die Absagen. "Die gesellschaftliche und politische Polarisierung ist immens", sagt der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Auf die Frage, was genau man dagegen tun kann, zuckt er mit den Schultern: "Ich habe auch keine kurzfristige, einfache Lösung."

Wenn man in einem der Shuttletaxis sitzt, die die Teilnehmer in ihre Hotels bringen, wird die Anspannung über den Zustand der Welt augenscheinlich. Kompromisse zu finden werde immer schwieriger, sagt beispielsweise ein Vertreter aus Kanada und erzählt von der Einflussnahme Russlands auf sein Land. Aber er spricht auch über seine Hoffnung: Angela Merkel. Ob sie noch stark genug sei, um Europa zu einen und dem Nationalismus zu begegnen, will er wissen. An Emmanuel Macron glaubt der Kanadier, wie viele andere, nicht mehr.

Die Bundeskanzlerin genießt auf internationaler Bühne immer noch ein hohes Ansehen, obwohl sie ihr baldiges Karriereende bereits verkündet hat. Das hat ihre Rede in Davos einmal mehr belegt. Kompromisse würden heute häufig schlechtgemacht, sagte Merkel. Sie vertrete aber sehr dezidiert die Ansicht, dass die globale Architektur nur funktionieren könne, wenn man zu Kompromissen fähig sei. Auf dem Weltwirtschaftsforum wird man sie wahrscheinlich als Stimme der Vernunft vermissen, denn eine schnelle Lösung der wachsenden globalen Probleme ist nicht in Sicht.