Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Europäische Union aufgefordert, sich in der Brexit-Debatte um eine Kompromisslösung mit Großbritannien zu bemühen. Man werde respektieren, dass Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU sein wolle, sagte Merkel auf dem CDU-Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern in Rostock. 

In Anspielung auf die Möglichkeit eines ungeregelten Brexits mahnte sie: "Auch wir haben eine Verantwortung, diesen Trennungsprozess so verantwortlich zu gestalten, dass man nicht in 50 Jahren über uns den Kopf schüttelt und sagt, 'Warum waren die nicht in der Lage, einen Kompromiss zu finden'." Sie werde deshalb bis zum letzten Tag für einen geordneten Brexit arbeiten.

Sigmar Gabriel sieht im "Zuschauen das größte Risiko"

Der frühere Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) rief die EU auf, sich um den Verbleib Großbritanniens in der EU zu bemühen. "Jetzt müssen sich nicht nur die Briten bewegen, sondern auch wir anderen Europäer", sagte er den Zeitungen des RedaktionsnNetzwerks Deutschland. "Aus meiner Sicht birgt das bloße Zuschauen das größte Risiko."

Gabriel forderte, den für den 29. März geplanten Austritt zu verschieben. Dann solle Großbritannien das weitere Vorgehen klären. Die "beste aller denkbaren Lösungen" sei ein zweites Referendum über einen vollen Verbleib in der EU, sagte der Politiker. Notwendig sei es dafür aber, neu zu definieren, worüber abgestimmt wird. Als parallelen Schritt schlug Gabriel zudem EU-weite Vorgaben zur Migration vor. Mit einer solchen Regelung könne man "vielen Briten ihre Sorgen nehmen".  

Neuverhandlungen der Europäischen Union mit Großbritannien würden ein Risiko bergen, räumte Gabriel ein. Es sei nachvollziehbar, dass die EU-Spitze in Brüssel den Druck auf das britische Unterhaus aufrechterhalten wolle. Doch leider gebe es bislang in London "keine Anzeichen, dass die Angst vor dem ungeordneten Brexit zur Vernunft führt".

Im Fall eines ungeregelten Austritts Großbritanniens aus der EU halte er die wirtschaftlichen Folgen nicht für die schwerwiegendsten Konsequenzen, sagte Gabriel: "Die wirkliche Gefahr besteht darin, dass der Rest der Welt Europa endgültig für einen schwächlichen Kontinent hält."

So geht es weiter mit dem Brexit

Das britische Unterhaus hat Theresa Mays Brexit-Kompromiss abgelehnt. Das Misstrauensvotum hat sie aber überstanden. Die Grafik zeigt, wie es weitergehen könnte.

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Auch Österreich will ein No-Deal-Szenario vermeiden

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) signalisierte derweil Bereitschaft, den Termin des britischen EU-Austritts zu verschieben. "Wenn London eine ordentliche Strategie und einen Plan vorlegt, dann wäre eine Verschiebung des Austrittstermins um ein paar Monate vorstellbar", sagte Kurz der Welt am Sonntag. "Großbritannien ist jetzt am Zug, seine Vorstellungen zu präzisieren." Von einer Einigung in den Verhandlungen profitierten alle Seiten, fügte der österreichische Regierungschef hinzu. "Ein harter, ungeordneter Brexit würde uns allen schaden." Darum setze man in der EU alles daran, ein No-Deal-Szenario zu vermeiden.

Das britische Unterhaus hatte am vergangenen Dienstag gegen das Austrittsabkommen gestimmt, das die Regierung von Theresa May und die EU ausgehandelt hatten. Ein Misstrauensvotum gegen die Regierung, das die Opposition nach der Niederlage beantragt hatte, überstand die Premierministerin und will am kommenden Montag einen sogenannten Plan B vorlegen.