William Cullerne Bown ist studierter Mathematiker und Mitglied der Labour-Partei. Er arbeitete als Journalist für den britischen "Independent" und das Magazin "New Scientist" und gründete später die Fachmagazine "Research Fortnight" und "Research Europe", die sich mit Forschungspolitik und Forschungsfinanzierung befassen.

In Großbritannien entsteht gerade ein neuer Typus: Er ist gegen den Brexit und entschlossen proeuropäisch. Diese Leute findet man allerdings nicht unter den alternden Politikern, die mit der People's-Vote-Kampagne für ein zweites Referendum kämpfen. Diese Leute bewegen sich unterhalb des Radars in unzähligen lose verbundenen Netzwerken. Sie sind der Brexit-Widerstand.

Die Fernsehberichte aus London vermitteln den Eindruck, beim Brexit seien alle Emotionen aufseiten derer, die rauswollen. Da stehen sie in ihren gelben Westen und drangsalieren die Abgeordneten auf ihrem Weg ins Unterhaus. Da ist die Premierministerin, die vor einem Ende des sozialen Zusammenhalts warnt, falls der Brexit nicht "geliefert" würde. Und auf der anderen Seite sind da dann die müden, alten Technokraten wie Tony Blair mit ihren müden, alten Plädoyers für mehr britische Einzigartigkeit.

Lüge auf Lüge

Dabei haben die Remainer am emotionalsten auf das Ergebnis des Referendums reagiert. Zu diesem Schluss kommt eine Studie über die Einstellungen von Leave- und Remain-Befürwortern: "Das EU-Referendum scheint zu einer klassischen Wir-gegen-die-Konstellation geführt zu haben, vor allem bei den Remainern."

Ich kann Ihnen sagen, wie es in dieser Wir-Gruppe ist, zumindest für einige von uns. Am Anfang war Resignation. Die Kampagne war leidenschaftslos gewesen, und die Niederlage hatte uns gefügig gemacht. Aber dann wurden wir provoziert. Die unbekümmerte Interpretation der Ergebnisse als rechtlich bindend. Der Versuch, das Parlament zu umgehen. Die unvorbereitete Artikel-50-Mitteilung. Die Bezeichnung aller, die mit diesen Entscheidungen nicht einverstanden waren, als Verräter. Das Versäumnis, den Verlust der Mehrheit bei der Parlamentswahl anzuerkennen. Die Enthüllung von Verbrechen der Leave-Kampagnen. Eine Lüge nach der anderen. Die erniedrigende Unfähigkeit der britischen Unterhändler. Das rote Blinken der ökonomischen Warnleuchten. Die waghalsige Eile.

All das führte erst zu Fassungslosigkeit, dann zu Entrüstung, gepaart mit Ohnmachtsgefühlen. Orientierungslosigkeit. Wir verstanden, dass unser Land von einer fremden Macht kolonialisiert worden war. Daraus entstand ein großer und nachhaltiger Ärger, der sich zu grimmiger Entschlossenheit verhärtete. Es ist ein Strudel von Gefühlen, wie ihn Alphonse Mucha 1912 mit einem Poster festgehalten hat, mit dem er sich gegen die kulturelle Assimilierung seiner (heute tschechischen) Heimat durch das österreichisch-ungarische Imperium wehrte. Im Hintergrund die Verzweiflung der Mutter, im Vordergrund ein unbeugsames Mädchen, bewaffnet mit Stiften und Büchern. Dieses Mädchen ist jetzt mein Avatar. Einige Jüngere tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Fuck Brexit". Wenn die anderen davon sprechen, "die Nation zu heilen" (oder manchmal sogar, die Familie zu heilen), oder wenn die Queen "Respekt für unterschiedliche Sichtweisen und die Suche nach Gemeinsamkeiten" empfiehlt – dann denken wir: Nein, nicht zu diesen Bedingungen. Widerstand, Widerstand, Widerstand.

Europa ist die Lösung, nicht das Problem

Ich sage wir. Man findet uns zum Beispiel in den sozialen Medien unter dem Hashtag #FBPE – Follow Back, Pro-European. Aber das ist nur ein kleiner Teil, es gibt keine Liste oder Institution des Widerstands. Der Brexit schneidet tiefer ein als die Parteilinien. Innerhalb der Labour-Partei, der ich angehöre, gibt es mindestens sieben verschiedene nationale Basisgruppen, die Jeremy Corbyn beeinflussen wollen, drei davon sind faktisch geheim. Wir Widerständler erkennen uns im Pub trotzdem. An der Art, wie der Zorn überschwappt – spontan, leidenschaftlich, völlig unbritisch und befreiend.

Wenn es um eine Kampagne für ein zweites Referendum geht, dann haben wir keine Zeit für halbe Sachen. Europa mag nicht perfekt sein, aber für Großbritannien ist es Teil der Lösung und nicht das Problem. Freizügigkeit? Abso-bloody-lutely.