Das entmachtete venezolanische Parlament will Präsident Nicolás Maduro aus dem Amt drängen. Die Abgeordneten beschuldigen den Staatschef der unrechtmäßigen Machtübernahme und erklärten alle künftigen Regierungsentscheidungen für nichtig. Die verfassungsmäßige Ordnung müsse wieder hergestellt werden, sagte der oppositionelle Präsident der Nationalversammlung, Juan Guaidó.

Guaidó hatte bereits in der vergangenen Woche mitgeteilt, er sei bereit, die Präsidentschaft vorübergehend zu übernehmen und Neuwahlen auszurufen, wenn er auf die Unterstützung des Volkes, der Streitkräfte und der internationalen Gemeinschaft zählen könne. Um die Soldaten auf ihre Seite zu ziehen, verabschiedeten die Parlamentarier ein Amnestiegesetz für alle Militärs, die bei der Wiederherstellung der Demokratie helfen.

Trotz starker internationaler Proteste hatte sich Maduro in der vergangenen Woche für eine zweite Amtszeit vereidigen lassen. Zahlreiche Staaten, internationale Organisationen und die venezolanische Opposition bewerten seine Wiederwahl im vergangenen Jahr als undemokratisch. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) erkennt Maduro nicht als legitimen Präsidenten an. Die USA und die EU forderten den Staatschef zur Rückkehr zur Demokratie auf.

Die OAS begrüßte die Entscheidung des Parlaments. "Wir unterstützen die Entscheidung der Nationalversammlung, die unrechtmäßige Machtübernahme von Nicolás Maduro festzustellen", schrieb OAS-Generalsekretär Luis Almagro auf Twitter. Gemäß der Verfassung solle der Parlamentspräsident vorübergehend die Regierungsgewalt übernehmen und Neuwahlen ausrufen.

USA sagen Unterstützung zu

US-Vizepräsident Mike Pence telefonierte mit Parlamentspräsident Guaidó und sagte ihm die Unterstützung der Vereinigten Staaten zu. Die USA würden die Nationalversammlung als einzige legitime Staatsgewalt in Venezuela ansehen, hieß es in dem Gesprächsprotokoll. Maduro hat das Parlament allerdings entmachtet und dessen Kompetenzen der regierungstreuen verfassungsgebenden Versammlung übertragen.

Juan Guaidó hatte erst Anfang des Jahres den Vorsitz in der Nationalversammlung übernommen. Zuvor war er ein weitgehend unbekannter Abgeordneter der Partei Voluntad Popular. Der 35-Jährige gilt als wichtigster Gegner Maduros. Nach seinem Aufruf zu Massenprotesten gegen den Präsidenten war er vorübergehend vom Geheimdienst Sebin festgenommen worden. Maduro nannte die Festnahme eine "Show der Rechten" und sagte, die Agenten hätten eigenmächtig gehandelt.

Venezuela steckt in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise. Wegen Maduros zunehmend autoritärer Regierungsführung ist das südamerikanische Land international weitgehend isoliert. Die USA und die EU haben eine Reihe von Sanktionen gegen Maduro und seine Führungsriege verhängt.

Aufgrund von Devisenmangel kann der Staat zudem kaum noch Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs importieren. Die medizinische Versorgung ist weitgehend zusammengebrochen. Für das laufende Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einer Inflationsrate von 1,37 Millionen Prozent, das Bruttosozialprodukt dürfte laut der Prognose um weitere 18 Prozent einbrechen. Nach Zahlen der UN haben etwa drei Millionen Venezolaner ihre Heimat bereits verlassen.